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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XIV (1879 / 160)

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In Tirol ist jetzt eine relativ geringe Neigung vorhanden, sich mit 
dem Handwerk zu beschäftigen und, seine Kunstfertigkeit einem Gewerbe 
zu widmen. Es ist daher begreiflich, dass in Folge dessen die Kunst im 
Handwerk durch lange Zeit in Tirol geringer geschätzt wurde, als sie es 
verdient. Die Kunsthandwerker des x5. und 16. Jahrhunderts waren viel 
geschickter, viel geübter und relativ künstlerischbegabter als die gegen- 
wärtigen. Ist die Trennung von Kunst und Handwerk heutigen Tags in 
der ganzen Welt stärker, als dies in früheren Jahrhunderten der Fall war, 
so ist diese Wahrnehmung auch bei den Tiroler Handwerkern zu machen. 
Allerdings bereitet sich gegenwärtig eine Wendung zum Bessern vor. Das 
Loos der Künstler ist heutigen Tags kein so glänzendes, dass um des 
Glanzes und der materiellen Vortheile willen sich Jemand sehr angezogen 
fühlen könnte, die Künstlerlaulbahn zu betreten. Es gehört gegenwärtig 
eine grosse Willenskraft, vielfache Entsagung und ein reiches Talent dazu, 
den Klinstlerberuf zu ergreifen. Im Kunsthandwerk gestaltet sich die 
Sachlage etwas günstiger. Jeder Handwerker und jeder Industrielle, der 
sein Metier versteht und sich die entsprechende Kunstfertigkeit erworben 
hat, kann darauf rechnen, eine achtbare und auch materiell erfolgreiche 
Stellung im Leben einzunehmen. Die diesjährige Ausstellung in Inns- 
bruck dürfte viel dazu beigetragen haben, die Ideen hierüber zu klären 
und Diejenigen aufzumuntern, welche die Kunst im Handwerk pflegen 
wollen. Die zahlreichen Fachschulen, die jetzt in Tirol existiren und die 
noch vor einem Jahrzehnt nicht vorhanden waren, sind ein nicht zu un- 
terschätzendes Bildungselement für das ganze Gebiet der Kunstgewerbe. 
Da diese Schulen sämmtlich bestimmte Zielpunkte verfolgen, das rein 
Künstlerische und Akademische ausschliessen und die Zöglinge auf die 
gewerbliche Thätigkeit hinweisen, so dürfte es nicht zu lange Zeit brau- 
chen, bis das Kunstgewerbe in Tirol einen erfreulichen Aufschwung 
nehmen wird. Unter den verschiedenen Arbeiten, welche einzelne Schulen 
ausgestellt haben, waren nicht wenige, die höchst achtbare Resultate er- 
zielten und die deutlich zeigten, dass es bisher in Tirol wesentlich nur 
an Schulung der Kräfte gefehlt hat. Diese Schulung wird jetzt der 
jüngeren Generation zu Theil, und auch schon unter den gegenwärtigen 
Gewerbetreibenden gibt es Manche, die sich der modernen Bewegung mit 
Talent und Erfolg angeschlossen haben. Insbesondere waren es einige 
Tischlerarbeiten von Trenkwalder und Konzert, sowie einige weib- 
liche Arbeiten, welche die Aufmerksamkeit der Kunstfreunde erregten. 
Relativ am wenigsten befriedigten die Gürtlerarbeiten; überhaupt lässt 
metallurgische Technik in Oesterreich, wenn wir vielleicht Wien aus- 
nehmen, ausserordentlich viel zu wünschen übrig. 
Eine exceptionelle Stellung im Kunstleben Tirols nimmt die Glas- 
rnalerei-Anstalt in Wilten bei Innsbruck ein. Sie hat sich einen 
Weltruf verschafft und der Leiter dieser Anstalt, Dr. J ele, hat deutlich 
gezeigt, dass man auch in kleineren Orten ein grosses Institut zur Blüthe
	        

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