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Full text: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XIV (1879 / 160)

kirchliche Zwecke bestimmt waren, deutlich zu bemerken. Allerdings 
muss man sagen, dass gut behandelte polychrome Figuren überhaupt eine 
Seltenheit sind, und dass es in ganz Europa jetzt wenige Künstler gibt, 
welche die Farbe bei Holzfiguren richtig anzuwenden wissen. Hervor- 
ragende Bildhauer, die sich mit der Holztechnik beschäftigen, gibt es nur 
wenige, und bei der geringen Verwendung von Holzfiguren in der kirch- 
lichen und Civil-Architektur ist es begreiflich, dass eine geringe Neigung 
vorhanden ist, sich dieser Technik zu widmen. Helfen wir, dass in nicht 
ferner Zeit die allgemeine Zeichen- und Modellirschule in Innsbruck so 
erweitert wird, dass sie den verschiedenen Zweigen der heimischen Kunst- 
technik, besonders den Baugewerben, ausgiebige Hilfe zu geben in der 
Lage sein wird. 
So wie das Steinmaterial für Architektur und Plastik in Tirol nicht 
genügend ausgebeutet wird, ebenso verhält es sich mit dem Holzmateriale. 
Die Zirbelkiefer, welche in den Hochregionen Tirols so vortrefflich ge- 
deiht und zu Schnitzarbeiten aller Art mit besonderem Vortheil verwendet 
werden kann, verdient von Seite der Waldcultur eine viel grössere Be- 
achtung, als sie in der That erfährt. So ist es gekommen, dass im ganzen 
Grödener Thale das Zirbelholz bereits aufgebraucht wurde, und die Be- 
wohner dieses Thales darüber klagen, dass sie nunmehr gezwungen sind, 
das Rohmaterial zu ihren Schnitzarbeiten von weither zu beziehen. 
Bei dem angeborenen Talente, welches die Bewohner Tirols für 
jedwede Kunstbildung haben, ist es begreiflich, dass die Zahl jener, 
welche Malerei und Bildhauerei betreiben, dort eine viel grössere ist, als 
in irgend einem anderen Lande. Diese Ueberproduction an Künstlern 
bringt Erscheinungen eigenthümlicher Art zu Tage. In München und 
Wien lebt eine ganze Colonie von Tiroler Künstlern; auch an anderen 
Orten, in Rom, Paris u. s. f. findet man solche, insbesondere Bildhauer, 
welche in den verschiedensten Ateliers beschäftigt sind. Die hervorragend- 
sten Tiroler Künstler leben gegenwärtig ausserhalb des Landes. Unter 
jenen, welche in der Kunstgeschichte einen hervorragenden Platz ein- 
nehmen, waren es vor Allen Deutschtiroler, die eine bedeutende Rolle 
spielten, wie die Maler Donner, Angelika Kaufmann, Koch, Blaas, die 
Bildhauer Zauner, Klieber, Medailleur Pichler. Für die Wälschtirnler hat 
immer Venedig eine ganz besondere Anziehungskraft gehabt; von Ales- 
sandro Vittoria bis Strudel begegnet man ihnen hier, während sie im ver- 
Hossenen Jahrhundert auch in Wien, Prag, Salzburg u. s. f. zahlreich zu 
finden waren. Wie die ganze kunstbegeisterte Jugend Tirols nach auswärts 
und aufwärts strebt, theilweise ohne sich über die Zielpunkte des Kunst- 
berufes klar zu sein, ohne selbst einen Beruf für höhere Kunstleistungen zu 
besitzen, so nennt sich auch in Tirol jeder, der ein Bischen schnitzen kann, 
Bildhauer, der aquarelliren kann, mit Vorliebe Maler, auch uKunstmalet-u, 
welche Neigung zum Künstlerthum zwar ihre Lichtseiten, noch mehr 
aber Schattenseiten hat.
	        
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