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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XV (1880 / 181)

halten. Auch die fremdländische Literatur besitzt kein Buch ähnlicher 
Art. Charles Blanc's vCours de Dessinn ist zu oberflächlich, zu redselig 
und zu wenig positiv; Taine ist ein geistreicher Philosoph, der von bil- 
dender Kunst mehr versteht, als es bei manchen andern Philosophen der 
Fall ist; aber seine Bücher sind Fragmente und kein Ganzes. Seine An- 
schauungen wurzeln in den Philosophernen Comte's, welche deutschen 
Lesern sehr ferne stehen. Auch die Lehren John Ruskin's werden auf 
dem Continente keinen directen Einfluss üben. Die Kunstlehre als Wissen- 
schaft existirt also nicht; einige Popularschriftsteller haben für die Be- 
dürfnisse des gebildeten Publicums Einiges verölfentlicht, das um der 
hübschen Sprache und der fasslichen Darstellung willen gerne gelesen 
und von Dilettanten als eine Kunstlehre angesehen wird. Aber alsWissen- 
schaft kann man diese populäre Literatur nicht ansehen. Lehrern und Ler- 
nenden könnte dieselbe wohl nicht empfohlen werden. 
Gibt es also keine Kunstlehre als Fachwissenschaft, und kein Werk, 
das als Repräsentant derselben angesehen werden kann, so kann man 
auch [nicht den Grundsatz aufstellen, es sei die Einführung der Kunst- 
lehre als Lehrgegenstand nöthig, um den Humanismus in Mittelschulen 
zu fördern. 
Damit wird jeder Fachmann einverstanden sein, dass man in einer 
Mittelschule einen Lehrgegenstand nicht einführen kann, der in der Lite- 
ratur sich nicht fertig entwickelt hat und noch nicht in concreter Form 
vorliegt. Selbst wenn wir dem Ziele einer allgemein giltigen Kunstlehre 
oder Theorie der Kunst näher stünden, als es der Fall ist, so würde man 
vor Allem davon abrathen müssen, einen Lehrgegenstand aufzunehmen, 
der zu ästhetischen Deductionen in einer Mittelschule Veranlassung gäbe. 
Wenn von Fall zu Fall Deductionen ästhetischer Art zum Verständniss der 
Formen im Zeichenunterricht nöthig sein sollten, so mag es angehen; 
aber gewiss soll es nicht in systematischer Form geschehen. Die Jüng- 
linge, die sich in den Oberclassen des Gymnasiums oder der Realschule 
befinden, mögen ja nicht glauben, sie seien schon reif und vorbereitet zu 
philosophischem Denken. 
Wenn daher ein so verständiger und kunstwissenschaftlich gebildeter 
Lehrer, wie Prof. J. Langl, die Anforderung einer Kunstlehre aufstellt, 
so hat das wohl nur den Sinn, es mögen die Männer der Wissenschaft 
aufgefordert werden, jene wissenschaftlichen Vorarbeiten zu unter- 
nehmen, welche den Weg zu einer vollständigen Kunstlehre und Theorie 
der bildenden Künste anbahnen; und es möchten vielleicht Vorkehrungen 
getroffen werden, dass über Aufforderung und vielleicht Unterstützung der 
Regierung jene Lehrbücher verfasst würden, welche den Bedürfnissen des 
Lehrstandes für den Zeichenunterricht entsprechen, jene Lehrbücher, welche 
in ihrem Complexe das geben, was unter Kunstlehre oder Theorie der 
Kunst verstanden wird. Dahin würden gehören, in erster Linie eine 
gründlich abgefasste Anatomie für Künstler, ein Handbuch der Perspective,
	        

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