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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XVI (1881 / 184)

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stickerei; ihre kirchlichen Schöpfungen fehlen ganz; auf weltlichem Gebiete 
ist sie von Seite der Industrie nur durch Gisni vertreten. Dagegen ist ein 
anderer Zweig industrieller Stickerei wie plötzlich zu einer ganz unge- 
ahnten Ausdehnung gekommen, die farbige Stickerei in Roth und Blau 
auf Leinwand und zwar mit der besonderen Bestimmung zur Verzierung 
des Hauses, zur Ausstattung von Tisch und Tafel. 
Vor zehn Jahren noch wurden solche farbige Tafeltlicher, Servietten, 
Handtücher von der gesammten Frauenwelt perhorrescirt, heute sind 
Industrie und Dilettantenhand gleich geschäftig mit ihrer Herstellung - 
ein Erfolg, den Schrift und Rede mit Hilfe des gesunden Geschmackes 
über Tradition und Praxis davongetragen haben. WiFKäiihpfer auf diesem 
Gebiete dürfen uns des Sieges rühmen und ihn in unsere Annalen ein- 
zeichnen. 
Hier bei uns wurden bisher diese Stickereien mehr ornamental, in 
kräftigen rothen Ornamenten mit rein decorativer Tendenz ausgeführt. 
Wir hatten dafür im Oesterr. Museum die schönen Muster der Renaissance 
und noch in lebendiger Tradition die nationalen Arbeiten in den slavischen 
Gegenden. Künstlerisch konnten wir es nicht besser machen. Von Deutschland 
aber ist eine andere Variation über uns gekommen. ln Deutschland pflegte 
man in der decorativen Kunst zuerst auf den Gedanken, auf den Gegen- 
stand und dann erst auf die Wirkung zu sehen oder auch auf diese um 
jener willen zu verzichten. Dieser Standpunkt ist der verkehrte, aber 
immerhin hat er hier zu einem hübschen Genre geführt, das man, in 
richtiger Ausführung, sich gefallen lassen kann. Es findet auch sein Vor- 
bild in alter deutscher Art und Kunst. Dieses Genre malt nicht, sondern 
zeichnet; die Hand stickt nur Contouren, nicht Flächen. Die decorative 
Wirkung ist also nur eine sehr bescheidene. Dafür wird der Beschauer 
durch einen hübschen Einfall, durch lustige oder anmuthige Figuren, 
durch einen sinnigen Spruch entschädigt. Der Reiz ist also ein geistiger, 
nicht ein künstlerischer; soll er auch das Letztere sein, so muss die Vor- 
lage sehr gut und die Ausführung vollkommen sein. Selbstverständlich 
will auch der Spruch seine sinnige und passende Bedeutung haben. Leider 
ist das auf unserer Ausstellung nicht immer der Fall, ut exempla docent. 
Dieses Genre nun hat von Seite der Industrie überaus reiche Ver- 
tretung gefunden, während das rein ornamentale - und zwar zum Theile 
in ganz vortrefflicher Weise - mehr von der privaten Hand geübt er- 
scheint. Arbeiten wie sie Höchstädter, Denk, Frau Kabilka ausgestellt 
haben, mit vielen vortrefflichen Leistungen, denen freilich auch andere, 
minder gelungene zur Seite stehen, sie zeigen, dass wir es bereits mit 
einem bedeutsamen Zweige industrieller Arbeit zu thun haben, bedeutsam 
für die Industrie und zugleich für das Haus. 
Getreu unserer bisherigen Weise, an dem Bekannten rasch vorüber- 
zugehen und nur da zu verweilen, wo Neues erscheint oder sich uns sonst 
die Gelegenheit zu allgemein lehrreichen Bemerkungen zeigt, erwähnen
	        

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