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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XVI (1881 / 190)

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Formenreichthum mehrere Beispiele unserer Publication entnommen sind, 
ihrer perspectivischen Reproduction halber, die manches Detail verschiebt 
oder verbirgt, für den Tischler von geringerem Nutzen als geometrische 
Projection. 
Die noch halbgothische Frührenaissance erfährt durch Aufnahme der 
antiken Ordnungen mit ihren Säulen, Karyatiden, Hermen, Friesen, 
Giebeln etc. eine vollständige Umwälzung und zugleich eine Fülle neuer, 
unerschöpfiicher Motive. Das in der Frühzeit ausschließlich herrschende 
Eichenholz weicht dem geschmeidigen, den Werkzeugen des Schnitzers 
alle Feinheiten gestattenden Nussbaumholze. Mit einem Worte, das Möbel, 
das während früherer Epochen der Reihe nach in den Händen des Zimmer- 
mannes und des Tischlers war, gelangt nun in die Hand des Architekten 
und Bildhauers. Nach Aufbau, Gliederung und Decorationsweise lassen 
sich die einzelnen Schulen wohl ziemlich genau begrenzen. Die nordischen 
Fabricate, aus Flandern, Picardie und Normandie stammend, zeichnen 
sich durch untersetzte, stämmige Formen aus; das Ornament ist geschmack- 
voll gearbeitet, doch immerhin von gleichförmiger Behandlung. Vorherr- 
schend sind diese Möbel in Eichenholz ausgeführt. Tafel r unserer Publi- 
cation mag in diese Classe sich einreihen. 
Die Erzeugnisse der lle-de-France zeigen durchgehends correcte 
architektonische Formen, schlanke, elegante Verhältnisse, edle, wenig aus- 
ladende Profile mit fein eingeschittenen, dem Meißel des Holzbildhauers 
passend liegenden Ziergliedern. Die Nähe von Fontainebleau mit seiner 
Architekten- und Bildhauercolonie ist unverkennbar und Aufbau und 
plastische Decoration weisen entschieden auf Meister wie Ducerqeau. Jean 
Goujon und ihre Zeitgenossen hin. Als Beispiele dieser Gattung mögen 
Tafel 2-6 unserer Lieferung dienen. 
Die burgundischen Möbel sind breit angelegt und reich verziert, 
im architektonischen Aufbau zeigen sie kühnere Combinationen. Die 
schlanken Säulchen verwandeln sich in lebhaft bewegte Karyatiden oder 
Hermen, speciell der Schrank mit je drei Karyatiden übereinander gilt als 
burgundisches Erzeugniss. Die figürlichen Reliefs in den Füllungen ent- 
halten grotesk gestellte Krieger- und Reiterfiguren und das vegetabile 
Ornament ist üppig und voll gearbeitet. 
Die Lyoner Möbel und die der südlichen Provinzen haben Vieles 
mit den vorhergehenden gemein; sie sind gleichfalls breit, oft massig ge- 
halten und sehr reich decorirt, doch ist aller Reichthum, alle Fülle der 
Verzierung immer mit feinstem Geschmack und richtiger Abstufung an- 
gewendet. Erst mit der Regierung Ludwigs Xlll. wird der architektonische 
Aufbau schwerfällig, die zierlichen Säulen verwandeln sich in gewundene, 
das figurale und vegetabile Ornament wird schwerfällig, leblos, die Car- 
touchen werden derb und unproportionirt, kurz das geschnitzte Möbel ist 
auf seiner letzten Stufe angelangt. Statt schöner Reliefs, elegant ge- 
schnittener Zierglieder erhalten die Möbel zahlreichen Besatz von Plattir-
	        

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