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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XI (1876 / 124)

wird, dieses aber gut zu schaffen, dieser Weg scheint endlich, wenn uns 
die Wahrnehmungen auf der diesjährigen Weihnachts-Ausstellung nicht 
trügen, betreten oder begonnen zu werden. Es soll damit keineswegs 
gesagt sein, dass Alles, was unsere verhältnissmässig kleine Ausstellung 
bringt, auf diesem Wege liegt, noch dass die ausgestellten Gegenstände 
durchweg bescheiden bürgerlichen Charakter tragen. Einerseits ist die 
Ausstellung nicht gänzlich frei von Restanten der genannten Art von der 
Weltausstellung, wenn sie auch vereinzelt sind im Vergleiche, zu ihren 
Vorgängern vom vorigen Jahre, anderseits sind ja die Anforderungen an 
die Kunstindustrie nicht blos bürgerlicher Art: Rang und Reichthum er- 
heben noch immer ihre Ansprüche, wenn sie auch für den Moment ein 
wenig gedämpfter lauten, und auch die Kirche hat ihrem Kunstbedarf 
nicht entsagt, ihre Bedingungen nicht herabgesetzt. Aber wir sehen den 
Dingen an, dass sie nicht auf gut Glück für den Luxus, für den blossen 
Schein geschaffen sind, sondern sich als solche darstellen, die auch wirklich 
gebraucht und gefordert werden. Das dürfte bei der grossen Mehrzahl 
der Fall sein, und unter diesen wiederum sind viele nicht blos brauchbar, 
sondern auch ästhetisch gut. So mögen wir, wollen wir unter dem Drang: 
der Zeit keinen eigentlichen Fortschritt hulassen, doch eine Wendung zu 
einem besseren, mehr naturgemässen Wege constatireu. Wir sehen im Ver- 
gleiche zum vorigen Jahre weniger Verfehltes und mehr, was zu guten 
Holfnungen berechtigt, Anderes wieder, was trotz der Ungunst der Zeit 
auf gutem Wege beharrt. 
Zu diesem Letzteren gehört, wenn wir in der Betrachtung der Textil- 
industrie beginnen, die Ausstellung von Philipp Haas St Söhnen und 
Karl Giani, beide den Besuchern des Museums alt- und wohlbekannte 
Namen, die auch dieses Mal nicht fehlen. Die erstere Firma zeigt uns 
wiederum eine Reihe stylisirter Möbelstoffe, daneben aber in einer Tisch- 
decke ein solches Wunderwerk der Weberei, dass unseren obigen Be- 
merkungen widersprechen würde, wenn es nicht einem Etablissement von 
solcher Bedeutung und Ausdehnung zukäme, auch einmal das Höchste zu 
versuchen, was die Weberei an Pracht und Glanz zu leisten vermag. Es 
ist eine kolossale Tischdecke in altpersischer Art von Gold, Silber und 
Seidensammt, gleich vortrefflich und bewunderungswürdig um seiner de- 
corativen Schönheit willen wie wegen der vollendeten Ausführung. Diese 
Decke - ohne Uebertreibung zu reden - sucht ihresgleichen und findet 
es nicht. Leider brachte es das Arrangement der Ausstellung mit sich, 
dass die Decke unvortheilhaft beleuchtet ist, indem sie hauptsächlich 
Seitenlicht statt des gerade auffallenden Lichtes erhält; daher ist es ge- 
kommen, dass die Sammtornamente matt und hell erscheinen, statt in 
dunklen Farben zu glühen. Aber auch so verfehlt sie ihre Wirkung nicht. 
Die Freude an dieser Arbeit wird nur durch den Gedanken vergällt, dass 
sie vielleicht das letzte künstlerische Unternehmen des ausgezeichneten 
Chefs der Firma Haas vor seiner bedauerungswürdigen Erkrankung bildet.
	        

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