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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XI (1876 / 128)

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in genanntem Lande aufkommend, schier noch gothischen Stiltypus besitzt. 
Kein Bestandtheil des Costüms hat in allen Zeiten so bestimmt und viel- 
sagend den Gradmesser für den Geist des gesellschaftlichen Lebens der 
Periode abgegeben, als die Spitze. Sie begleitet jede Wandelung des rasch 
wechselnden Geschmackes und erscheint einmal in der würdevollen Strenge 
der steifen Zacken, wie sie das Kleid a la Giorgione oder Tizian erheischt, 
einmal im wulstigen Durcheinander der Leopoldinischen Mode, in der 
Zierlichkeit a la Watteau, sowie in der Nüchternheit und alfectirten Schlicht- 
heit der Revolutionsepoche und des Empires, durch tausend Nuancen 
hindurchgehend, immer sozusagen der Accent auf dem Ensemble der Tracht, 
das vorgesetzte Zeichen, welches die Tonart des Ganzen erkennen lässt. 
Insofern die Spitze fast in allen Gegenden und Zeiten gleichzeitig sich sowohl 
der Klöppeltechnik, als jener der künstlichen Nadelarbeit bedient, gewinnt 
sie zwiefach verschiedenen Typus, der überall hervortretend, überall sie 
bald leichter und freier, bald gemessener und ernster erscheinen lässt. 
Der Klöppelpolster erzeugt ein Fädengewirr, ein ordnungsvolles Chaos, 
aber vorherrschend in geschwungener flüssiger Linienführung, während 
die Haupttypen der Nadelarbeit, dieser mühevollen, häufig schier pein- 
lichen Procedur, gebunden, constructiv in den Formen aufzutreten lieben. 
Man könnte daher beinahe den Vergleich zu wagen versucht sein, dass 
im Allgemeinen der Stil der Klöppelei der malerische zu nennen wäre, 
während jener andere durch scharfe Plasticität sich auszeichnetuDas Durch- 
brochene und Gitterartige, das freie scharfe Abstechen der Spitze von ihrer 
Unterlage bestimmt hier ihr eigentliches Wesen, wogegen das Product 
des Klöppelpolsters gerne die ununterbrochene Fläche an die Stelle der 
a jour-Arbeit treten lässt und auf derselben sozusagen zeichnet, statt con- 
structiv zusammenzufügen. 
Obwohl zahlreiche Beispiele den Beweis liefern, dass in jedem Lande 
eine grosse Menge ganz verschiedener Techniken Anwendung fanden, so 
ist dennoch nicht zu leugnen, dass überall für einen Zweig der Fabrica- 
tion eine besondere Vorliebe bestand und weiter, dass die Wahl derselben 
stets mit der sonstigen Richtung des betreffenden Volkes in Dingen des 
Kunstgeschmackes zusammenhing. Der Naturalismus der Niederländer 
z. B., ihre Abneigung wider die Darstellung ganz bestimmt ausgespro- 
chener haarscharf abgehobener Formen in der Malerei spricht sich in 
dem dichten Wirrnisse ihrer Klöppelspitze aus, welche, übereinstimmend 
damit, daher auch frühzeitig die geometrisch stilisirte Zeichnung der [ta- 
liener verlässt und Gebilde der Natur, vor Allem Blumen als Muster 
wählte. Der Italiener bevorzugte stets die strengere stilisirte Zeichnung, 
welche einzig und allein zu den klaren Formen seiner Renaissancearchi- 
tectur, den hellen, prononcirten Tönen seiner Landschaft und den nicht 
minder bestimmten Gestaltungen der letzteren harinonirte. Um den Be- 
schauer in der Ausstellung zu derartigen Betrachtungen und Erwägungen 
über die costümgeschichtliche Stellung der Spitzen im Rahmen des ge- 
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