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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XI (1876 / 131)

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Wir wissen, wer die Lehrer dieser grossen Meister waren und ebenso 
gut, was sie von denselben lernten, indem wir bei Betrachtung ihrer 
Erstlingsarbeiten diese kaum von denen ihrer Meister unterscheiden können. 
Bedenkt man aber den bedeutenden Umschwung in der Welt gerade zu 
jener Zeit, sowohl in der Wissenschaft als auch in humanistischer Be- 
ziehung, so ist es nicht so auffallend, dass solche Künstler mit ihrem an- 
gebornen Genie - als es mit einem Male erlaubt war, die herrlichen 
antiken Ueberreste, womit, trotz aller Barbarei des Christenthums, Rom 
noch immer überfüllt war, zu bewundern und zu studiren - sehr bald 
ihre Lehrer übertreffen und wie mit einem Schlage die Kunst auf eine 
fast nicht zu überschreitende Höhe bringen konnten. 
Von Raphael wissen wir nun, dass er eine Menge Schüler hinter- 
lassen hat; wir wissen auch, dass es keinem von ihnen gelungen ist, ihren 
Meister zu erreichen. Dass viele Nachahmer Michel Angela's die Kunst, 
statt sie vorwärts zu bringen, nur rückwärts gebracht haben, ist ebenso 
bekannt; aber wem wird es einfallen, diese Meister hiefür verantwortlich 
zu machen? Es scheint dies im Gegentheil zu beweisen, dass, obgleich in 
der Kunst eine Menge gelernt werden muss und auch gelernt werden 
kann, das Wesentliche in der Kunst, nämlich das Genie, nur die Natur 
gibt. Aber alle Genialität hilft nichts, wenn damit nicht eiserner Fleiss in 
der Erreichung technischer Vorkenntnisse zum Weitergeben verbunden ist. 
Es ist bekannt. wie eifrig die Meister des Cinquecento die Antikel 
studirten, und von Michel Angelo wissen wir, dass er, fast auf der Höhe 
seiner künstlerischen Bedeutung stehend, es nicht verschmähte, 12 Jahre 
lang anatomische Studien am Secirtisch zu machen. Wir kennen die Be- 
_mlihungen der Maler und Architekten jener Zeit, hinter die Geheimnisse 
der Perspective zu gelangen. 
Um unseren angehenden Künstlern die Erwerbung solcher Vorkennt- 
nisse zu erleichtern, vor Allem um sie auf den richtigen Weg zu führen 
und sie mit denjenigen Regeln der Kunst bekannt zu machen, die durch 
ihre Dauer von Jahrtausenden erprobt und geheiligt worden sind, muss 
es auch in einem wohleingerichteten Staate eine Anstalt geben, wo solche 
gründliche Vorkenntnisse in der Kunst erworben werden können, und das 
ist der eigentliche Zweck der Kunstakademien, statt, wie Viele glauben, 
aus mittelmässigen Talenten Genie's zu bilden. 
So wenig eigene Gebäude für Kunstakademien in der Welt noch 
errichtet wurden, so hat doch nirgends eine Akademie ein kümmerlicheres 
Unterkommen gefunden, als diejenige in Wien, die seit einem Jahrhundert 
in den alten Klosterräumen von St. Anna ihre Existenz fristet. Da aber 
die Frequenz immer zunahm, mussten längst schon einzelne Schulen aus- 
wandern und in Privat-Loealitäten oder in provisorisch hergerichteten 
Räumen ein anderes Obdach suchen. Diese zwingenden Verhältnisse riefen 
nach einem Neubau, der im Jahre 1872 von Sr. Majestät genehmigt und
	        

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