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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XI (1876 / 132)

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doch erst heraustreten, als sich unter den Laien allgemeiner eine Gesinnung 
verbreitet hatte, welche neben dem kirchlichen Leben auch das irdische 
Leben gelten liess und den Muth fasste es reizend durchzubilden. Für die 
Kunst ist das Auftreten dieser weltfrohen Sinnesart der Anfang des Mo- 
dernen geworden. 
In dieser Sinnesart ist Italien u. zw. im XV. Jahrhundert den anderen 
Europäern voraufgegangen und in Italien wieder die fröhliche Stadt Florenz. 
Dort brachten Fabrik, Handel, Gewerbe aller Art den Wohlstand her- 
vor, der Wohlstand den Luxus, der Luxus die weltliche Kunst. Im Jahre 
1478 zählte man dort 44 Werkstätten von i-Goldschmieden, Silberarbeitern, 
Juwelirena und einer derselben renommirte, dass blos der Kehricht seiner 
Werkstätte jährlich 800 Gulden werth sei. Domenico Bigordi, der grosse 
Lehrer des Michelangelo in der Malerei, ererbte von seinem Vater den 
Namen Ghirlandajo, den ihm die Florentiner Damen gegeben hatten, weil 
er eine neue Gattung goldenen Haarschmucks erfand. In diesen Gold- 
schmied-Ateliers erhielt eine grosse Anzahl Künstler ihre Ausbildung, welche 
nachher Bildhauer und Maler geworden sind. Wie die Kunst, so begann 
auch der ausübende Künstler zuerst mit dem Kunstgewerbe. Und mit dem 
Kunstgewerbe blieb meist auch noch der berühmte Künstler des 15. Jahr- 
hunderts in beständiger Verbindung; er wollte und konnte den "goldenen 
Bodenu nicht missen, den ihm das Handwerk gewährte. Pollajuolo, als 
er in Rom bereits Papstgräber goss, hielt in Florenz noch eine offene Bude 
und nahm Bestellungen für Goldschmiedewaaren an. Jener Ghirlandajo, 
der in sich Schöpferkraft genug fühlte, um, wenn sie bestellt würden, mit 
Fresken die ganze Stadtmauer von Florenz zu füllen, fand ein solches 
Gefallen daran zu arbeiten und Jedermann Genüge zu leisten, dass er sei- 
nen Jungen befahl, jede Arbeit anzunehmen, die in seiner Werkstätte be- 
stellt würde, wenn es auch Ringe zu Damenkörbchen (oder Reifen für 
Reifröeke?) wären; wollten sie die nicht malen, so wolle er es thun, damit 
keiner unbefriedigt aus seiner Bude gehe. (Vasari II. 2. 213.) Und diese 
Werkstätte für alle Art der Schilderei setzte auch noch sein Sohn Ridolfo 
bis in's 16. Jahrhundert fort, als er bereits Freund und Gehilfe des grossen 
Raphael geworden und so viel daheim zu thun hatte, dass er diesem ab- 
schlagenkonnte, ihm nach Rom zu folgen. Ridolfo wies ebenfalls keine 
Arbeit ab, waren es gleich Theaterdecorationen, Fähnlein, Standarten und 
ähnliche Dinge; er hielt in seiner Werkstatt dafür viele junge Leute als 
Gesellen. (Vasari V. 18.) Der grosse Meister der Arabeskendecoration Gio- 
vanni von Udine, nachdem seine glänzende römische Zeit unter Raphael 
vorüber war, malte daheim in aller Bescheidenheit Paniere und Processions- 
fahnen. (Vasari V. 32.) 
Denn besonders in Florenz waren unter den ersten Medici die Maler 
so zahlreich, dass sie unmöglich ihre volle Nahrung von Kirchenbildern 
haben konnten. Man warf sich auf die mannigfaltigsten gewerblichen Ar- 
beiten, wenn diese nur die Möglichkeit einer farbigen Bemalung darboten.
	        

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