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Inhaltsverzeichnis: Alte und Moderne Kunst XV (1970 / Heft 109)

sich die Gegensatzpaare, die wohlgeordneten 
Möglichkeiten. 
Weil nun der Mensch einmal danach strebt, 
das Unsichtbare sichtbar zu machen, der 
arabische Mensch aber in seinem Denken 
„Linie" hat und nach der Ordnung der 
Linien strebtlü, das Denken aber in Ver- 
bindung mit der Umwelt künstlerisches Schaf- 
fen beeinflußt, darum bringt auch der Künstler 
die von ihm erdachten Linien 7 ob sie nun 
gerade, krumm oder gebrochen sind 11 7 in 
seinen Ornamenten sichtbar zum Ausdruck. 
Ohne Ausnahme, ohne Kompromiß, wie es 
ihm seine Welt vorschreibt! 
Wenn uns der Rahmen eng gezogen erscheint, 
weil Skulptur, nuancierende Malerei und 
Perspektive nach europäischer Auffassung ver- 
schmäht werden, so werden dafür der Linie 
alle Möglichkeiten geboten, hervorzutreten 
und sich zu entfalten: in Windungen, Bie- 
gungen und Kurven, in denen Färis den 
Rhythmus tänzerischer Bewegungen erahnte. 
Noch klarer kommt sie in den glatten und 
abgebrochenen Führungen der geometrischen 
Muster zum Vorschein. Selbst das heilige 
Element „Schrift" (rajfara heißt zugleich 
„liniieren" und „schreiben") ist nichts anderes 
als gebrochene Linie, so lehrte mich jedenfalls 
der im zweiten Weltkrieg verschollene H. Balcz 
die Züge der arabischen Schrift verstehen. 
Was für erhabencs Gedankengut liegt also in 
den Ornamenten verborgen! Welchen Gehalt 
an innerem Erleben konnten die Künstler 
mitteilen, indem sie „nur" Linien zeichneten - 
und doch verstanden wurden! Darum be- 
geisterten sie sich auch immer wieder für ihr 
Thema, ein Thema, das Gedankenspielereien 
reichlich Raum und zugleich die Möglichkeit 
bot, das, was mit Notwendigkeit zu sagen 
war, mit Anmut zu sagen. 
Der Erlebnisgehalt und die Kraft der islami- 
schen Kunst wird vom Koran bestimmt. Dies 
erklärt, warum Nachahmungen, welche man 
im vorigen Jahrhundert in Europa erzeugte, 
im allgemeinen wesenlos wirken und innerlich 
leer geblieben sind: es mangelt ihnen natur- 
gemäß die Linie im Großen, die das arabisch- 
muslimische Denken bestimmt und die im 
Koran enthalten ist. Aus dem Koran e oder 
mindestens den Hariil (das sind Aussprüche, 
die auf den Propheten zurückgeführt und die 
von al-Buhäri redigiert und als beglaubigt 
befunden wurden), wurden die Gesetzes- 
normen und die Anweisungen abgeleitet, 
welche für den Künstler bindend waren. Und 
weil sich das Kunsthandwerk gerne in der 
Kette der Generationen vom Vater auf den 
Sohn vererbte, so wurde einerseits die künst- 
lerische Entwicklung durch den Verlauf der 
Zeit hindurch gewahrt, anderseits wurdi 
innerhalb der nun einmal festlicgenden Nor 
men das äußerst Mögliche an schöpferische 
Variabilität aus den Themen herausgeholt 
obwohl das Grundmotiv „Linie" dem a1 
Plastiken des menschlichen Körpers gewöhn 
tcn und verwöhnten Betrachter aus Europa 
vielleicht allzu einfach und unkomplizier 
erscheint. Die Kompliziertheit ist aber - be 
allem Streben, aus dem Einfachen abzuleiter 
und dabei doch nie den Faden zu verlieren - 
in der Ausführung zu suchen! Das ewig 
wechselnde Spiel der künstlichen Blätter is 
durchaus gewollt, die Farbgebung, obwoh 
scharf begrenzt und Übergänge scheuend 
unerhört reizvoll, sie klingt in harmonischer 
Akkorden zusammen, ob es sich nun un 
Gegensatzpaare an gold- und silbertauschierter 
Arbeiten oder um die Erzeugnisse der Tep- 
pichknüpfer handelt. Lassen wir Färis Selbsi 
sagen, was er an der „Bunten", der vor 
ihm rabf so genannten Arabeske, erahnte 
„. . . von Mal zu Mal siehst du die ,Bunte' 
sich spannen und drehen .. . Visionär dem 
Unendlichen zugeneigt Findet sie keine Gren- 
zen, unermüdlich wirkt das Vergangene weiter. 
Ach, daß sie doch erreichte, was ihr so nahe 
istl Doch ihr Zustand ist der Rhythmus fikä"), 
ewig vibrierend taumelt sie dahin, der Geduld, 
ja, der Enthaltsamkeit unterworfen.
	        

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