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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XIX (1884 / 223)

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Die früher angeführten Sätze über die Mädchenerziehung werden 
wohl heute von Niemanden mehr angefochten, und doch wurde der 
Unterricht in weiblichen Arbeiten obligat in Oesterreich erst im Jahre 
1869, in Preußen 1872 und in dem hochcultivirten Württemberg gar 
erst 1877, also acht Jahre später als bei uns. 
Noch am Ende der vierziger Jahre konnte ein hochgeachteter Päda- 
goge, Diesterweg, die Behauptung aussprechen, die ganze Landbevölkerung 
werde sich - und zwar nicht ohne Grund und Recht - gegen die 
Einführung der Arbeit in die Schule erheben, da es Sache der Familie 
sei, zur Arbeitsübung und dadurch zu Fleiß und Arbeitsamkeit anzuleiten. 
Haben die Kämpfer für die Handarbeit. in Verbindung mit oder 
neben dem Schulunterrichte auf der einen Seite einen {vollen Sieg zu ver- 
zeichnen, so steht ihnen auf anderen Linien noch mancher Kampf bevor. 
Doch scheint es, als sollte die Frage endlich tiefe Wurzel fassen und sich 
das Terrain bald ganz gewinnen. 
In Deutschland, Belgien, Holland, Dänemark, Schweden und Nor- 
wegen, in Frankreich und in Amerika ist man bestrebt, den Handfertig- 
keitsunterricht den Knaben schon im schulpflichtigen Alter zu vermitteln- 
In Schweden existirten schon 1881 an 300 Orten Arbeitsclassen, 
an einzelnen Orten ist der Unterricht in der Handarbeit obligat, an 
anderen nur facultativ. Die, Regierung gibt hiefür 30.000 Kronen und 
Private dürften eine gleiche Summe beisteuern. 
Die in den einzelnen Ländern maßgebenden Beweggründe sind sehr 
verschieden. Nicht uninteressant ist hiebei, dass die jetzt parallel lau- 
fenden Erscheinungen in den früheren Jahren abwechselnd nach einander 
erschienen. _ 
Und so lade ich Sie, hochgeehrte Anwesende, denn ein, mit mir 
die Geschichte des Handfertigkeitsunterrichtes zu durcheilen, um dann 
unsere Bestrebungen, wie wir sie, aufbauend auf die Erfahrungen unserer 
Vorkämpfer, realisiren wollen, leichter beurtheilen zu können. 
Die erste Forderung, die physische Arbeit als Erziehungsrnittel auf- 
zufassen, fällt in jene unglückselige Zeit, in der unser Vaterland durch 
den Bojährigen Krieg in seinen sozialen Grundfesten erschüttert war, als 
der pädagogische Humanismus mit seinem grammatischen Formalismus 
und seiner Silbenstecherei rathlos dastand. Was sollte auch dieser For- 
malismus in einer so schwierigen Zeit, in der die Forderungen des realen 
Lebens sich unerbittlich geltend machten. Ein Heilmittel war wohl kaum 
in der lateinischenund griechischen Grammatik oder der Lectüre der 
alten Classiker zu finden. Auch dadurch nicht, dass man den Jungen in 
einer todten Sprache denken und sprechen und darüber die Forderung 
der Gegenwart vergessen lehrte. War doch in jener Zeit an manchen 
Schulen das Reden der Muttersprache geradezu mit Strafe belegt und 
waren Aufseher bestimmt, die mit buchhalterischer Strenge jedes deutsche 
Wort verbuchten, um beim Wochenabschluss am Sonntag Rechnung zu 
7.
	        

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