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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XIX (1884 / 223)

rein theoretischen, sondern einen solchen, durch den er jede neue Wahr- 
heit erfahre. Darum soll Emil ein Handwerk lernen; aber sein Zögling 
soll kein perfecter Gentleman wie bei Locke, er soll kein Musikant oder 
Edelsteinschleifer werden; lieber sähe es Rousseau, wenn sein Emil 
Schuster, als wenn er Dichter würde; es wäre ihm angenehmer, dass er 
pflastert, als dass er Blumen auf Porzellan male. Er soll Tischler werden, 
weil es ein reinliches Handwerk ist und die meisten Erfahrungen gebe. 
Durch die Arbeit soll Emil nicht nur die socialen Verhältnisse kennen, 
sondern auch das Bedürfniss empfinden lernen, sich theoretische Kennt- 
nisse zu erwerben. Er soll arbeiten wie ein Bauer und denken wie ein 
Philosoph. 
Rousseau hat nachhaltig auf seine Zeit und für die Zukunft gewirkt. 
In seinem Geiste wirkten in Deutschland Basedow, Salzmann, der Gründer 
des weltberühmten Erziehungsinstitutes zu Schnepfenthal, in welchem 
die Arbeit geradezu die Grundlage für die intellectuelle Bildung wurde; 
ferner Heusinger, Blasche, Guths-Muths, die auch durch ihre Schriften 
für ihre Ideen Propaganda machten. Es ist nicht uninteressant, zu ver- 
nehmen, dass man auch damals die Arbeit gegen die grassirende Studir- 
sucht ausspielte. Heusinger sagt diesbezüglich: ßDie Kinder werden von 
ihrem sechsten Jahre an aus Büchern und durch Bücher unterrichtet. 
Was Wunder, wenn sie auf den Gedanken gerathen, Bücher seien der 
einzige Weg, auf dem man Kenntnisse erwirbt, und dass daher jeder 
bessere Kopf keinen anderen Wunsch hat, als Bücher zu haben und 
studiren zu können. Die Erwerbung von Kenntnissen durch eigene An- 
schauung, durch eigene Versuche, durch eigenes Arbeiten ist etwas, 
wozu die Erziehung den Kindern entweder noch gar keine Anleitung 
oder doch nur in Nebenstunden gibt, weil man glaubt und handelt, als 
sei das Lernen die Hauptsache bei der Erziehungm 
l-leusinger sucht in seinen Schriften den Beweis zu erbringen, dass 
der Mensch zum Handeln und nicht zum Speculiren geboren sei, dass 
der, Trieb zum Handeln der stärkste und unaufhaltsamste von allen 
Trieben der menschlichen Natur sei. Die Geschichte lehre, dass die 
Menschen früher Gebilde aus festen Stoffen geformt haben, ehe sie durch 
Speculation zum Auffangen der Umrisslinien der Gestalten zu einer 
Zeichnung schritten. 
Noch einen eminent pädagogischen Grund führt er für die Ein- 
beziehung der Arbeit in den Kreis der Erziehungsmittel an; er sagt: 
nDie Erfahrung lehrt, dass von Natur weiche und wankelmüthige Kinder, 
die man erst später zur Arbeit gewöhnt, sehr bald missmuthig und 
abgeschreckt, von einer unüberwindlichen Arbeitsscheu befallen werden." 
Blasche leitete den Arbeitsunterricht im Geiste Heusingefs in der 
Schule zu Schnepfenthal. Er beschäftigte die Kinder mit der Pflege und 
Wartung kleiner Hausthiere, der Pflanzen im Garten; er ließ sie meteo-
	        

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