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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XIX (1884 / 223)

allen anderen Kronländern voransteht und nur in Wenigem diesem oder 
jenem den Vortritt lässt, so möge in der Reihe der Ursachen, welche 
diesen Stand der Dinge herbeigeführt haben, auch der Name des großen 
Schulrnannes nicht vergessen werden, der fast ohne alle Beihilfe öffent- 
licher Mittel durch seinen reichen Geist und klaren Verstand und das 
opferfreudige Zusammenwirken von Männern aus allen Classen der Bea 
völkerung, welches er durch Belehrung, Aneiferung, Aufmunterung wach 
zu rufen und zu erhalten wusste, die Volksschule zur ersten Grundlage 
des Nationalwohlstandes gemacht hat. Und wenn man bei der großen 
Menge derjenigen, die im ersten Drittel des gegenwärtigen Jahrhunderts 
als wohlhabende Landwirthe, als betriebsame Gewerbsleute, als einsichts- 
volle Industrielle in kleineren und größeren Kreisen in Achtung und An- 
sehen standen, nach der ersten Quelle ihres materiellen Glückes hätte 
Umfrage halten können, so würde man von den meisten wohl den 
Bescheid erhalten haben, die Pfarrschule sei es gewesen, wo ihnen zuerst 
Liebe und Verständniss der Arbeit beigebracht, die Segnungen des 
Fleißes und der Ordnung, die Früchte der Sparsamkeit in kleinen Er- 
folgen gezeigt worden seienm 
Nach dem Tode Kaiser Josef's II. und während der schweren Kriegs- 
jahre, die ietzt folgten, gingen die meisten Schöpfungen Kindermannk 
wieder ein. 
In Deutschland fanden dieselben Ideen hauptsächlich durch Wage- 
mann Verbreitung. Die Regierungen traten meist unterstützend der Be- 
wegung bei oder leiteten dieselbe. 
Manches Kind erarbeitete sich in diesen Arheitschulen während der 
Schulzeit ein kleines Capital. So wird erzählt, dass 1809 in Lippe ein 
Mädchen mit 78 Thalern Ersparnis: aus der Schule entlassen wurde. 
Aus ähnlichen Gründen wie Kindermann hatten Pestalozzi und sein 
Schüler Fellenberg in der Schweiz die Arbeit in die Schule eingeführt. 
Pestalozzi spricht seine Absicht in den Worten aus: nDer Arme muss 
zur Armuth auferzogen werdenm Später hat Pestalozzi den allgemein 
bildenden Werth der Arbeit genau erkannt und hievon in seinem Volks- 
buch nLienhard und Gertrudu gesprochen. 
Pestal0zzi's Schöpfungen gingen frühzeitig ein. Der Mann mit dem 
großen Herzen und genialen Blick hatte leider wenig praktisches Geschick. 
Glücklicher war sein Schüler Fellenberg, der auf seinem Gute 
l-Iofwyl eine Armenerziehungsanstalt gründete, in der er verwahrloste 
Knaben, selbst jugendliche Verbrecher durch landwirthschaftliche Arbeiten 
zu erziehen suchte. Er hatte bald überraschende Erfolge aufzuweisen. 
Schon wenige Jahre nach dem Beginne seiner Wirksamkeit verband er mit 
seiner Armenschule eine Bildungsanstalt für Söhne höherer Stände, welche 
von Söhnen des höchsten Adels aus ganz Europa, später besonders von 
Söhnen industrieller Familien aus England, Spanien und selbst aus 
Amerika besucht wurde.
	        

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