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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XIX (1884 / 227)

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pejanischen Wände; so entstehen noch heute die Arbeiten orientalischer 
Geschicklichkeit, die Teppichenmuster primitiver Völker, die Arbeiten 
zahlreicher, noch aus alter Zeit erhaltener Hausindustrien. 
Diese Improvisationen setzen voraus, dass nicht nur ein gewisser 
Formenschatz, sondern auch gewisse Regeln über dessen Verwerthung 
zu immer neuen Mustern traditionell lebendig erhalten sind, sowie die 
Muttersprache, in der sich auch Jeder ohne viel Nachdenken auszudrücken 
versteht. Der Formenschatz entspricht hiebei den Worten der Sprache 
und die Regeln zu deren Verwerthung der Grammatik. 
Auf den Höhen der Kunstentwickelung reicht das improvisiren endlich 
nicht mehr aus. 
Bekanntlich wurden alle Schauspiele seinerzeit von den Mimen blos 
nach gegebenen Programmen improvisirt und weist die Geschichte des 
Dramas eine Zeit auf, in welcher diese Methode mit dem Auswendig- 
lernen geschriebener Texte in Fehde lag. 
Selbst ansehnliche Kirchenbauten und Burgenbauten des frühen 
Mittelalters sind sicher in ähnlicher Weise improvisirt worden und kleinere 
Arbeiten, Schnitzereien, Schränke und Anderes bis spät in die Renaissance 
hinein, ja selbst bis auf den heutigen Tag. 
Heute fällt es aber Niemandem mehr ein, z. B. ein Theater ohne 
Plan bauen zu wollen oder eine Symphonie von einem großen Orchester 
nach gegebenem Motiv improvisiren zu lassen. 
Während das Improvisiren in primitiver Zeit in allen Kunst-arten 
herrschte, verschwindet es bei steigender Entwickelung aus einem Gebiete 
nach dem andern und an seine Stelle tritt das zielbewusste Durchdenken 
jeder Aufgabe. An die Stelle des Instinktes tritt das Bewusstsein und die 
größten Meister dieser höheren Entwickelungsstufe waren stets zugleich 
die größten Theoretiker. 
Von diesen großen Meistern nun sollten wir nicht blos die äußere 
Form, sondern auch das innere Wesen, wie sie es selbst angefangen 
haben, Solches hervorzubringen, lernen. Nicht blos wie er räuspert, wie 
er spuckt, sollen wir dem Meister abgucken. 
Ein Zeuge sei da gewählt für viele, Michelangelo. 
Michelangelo verbrannte bekanntlich eine Unzahl seiner Studien, 
damit die Nachwelt nicht sehen sollte, wie er sich seine Meisterschaft im 
Ringen mühevoller angestrengter Arbeit erkämpft. Es ist dies ein Stück 
Künstlereitelkeit, die auch den Größten oft nicht freigibt, und diese in 
ununterbrochener Tradition fortwuchernde Künstlereirelkeit ist es, welche 
endlich zu der modernen Fabel vom alleinseligmachenden Genie führte. 
Vom Nektar dieser Fabel sind unsere Jünger an den Hochschulen der 
Kunst gar bald berauscht und zwar um so leichter, je Weniger ihnen das 
wahre Wesen des künstlerischen Schaffens entschleiert wird, das allerdings 
viel, sehr viel Talent, aber auch viel, sehr viel Fleiß und hartes Studium 
fordert.
	        

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