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Full text: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XIX (1884 / 227)

Es ist Michelangelo gelungen. die Welt mit seinen schier über- 
menschlichen Meisterwerken zu überraschen. Aber auch eine Reihe 
Studienblätter sind auf uns gekommen, und diese kostbaren Reliquien 
zeigen uns deutlich, wie auch er ganz in gleicher Weise, wie so viele 
andere große alte Meister, studirte und wie er componirte; und an dieses 
probate Recept wollen wir uns halten. 
Michelangelo hat sich bekanntlich auch seine eigene Weise architek- 
tonischer Formgebung geschaffen. Zu Florenz in der Casa Buonarroti 
befinden sich nun einige Studienblätter ausschließlich über Kranzgesimse. 
Ausgehend vom Normalprofile desselben skizzirte der Meister nebenein- 
ander zahlreiche Varianten, welche alle denkbaren Umstellungen der 
Einzelglieder und Umformungen derselben enthalten. Der Vorgang ist 
geradezu mathematisch wie durch Combinationsrechnung geleitet und 
heute noch ist aus diesen förmlich redenden Linien, aus diesen Zeugen 
seines Nachdenkens noch der ganze Gedankengang herauszulesen. Man 
sieht, wie er alle Möglichkeiten im Großen überschlagen, wie er sie im 
Detail verfolgt, wie er einzelne Fährten bald verließ, weil sich zeigte, 
dass die ganze Gruppe zu keinem Resultat führen könne, während er 
andere Combinationen in zahlreicheren Formen variirte, bis er endlich 
zu einer Ueberzeugung kam, was sich hier überhaupt thun lässt und 
sich seine Form wählte. 
Ebenso studirte der Meister alle Möglichkeiten der Wendung einer 
Haarlocke und wir würden sehen können, dass er überhaupt Alles und 
Jedes, was in seinen Werken vorkommt, nach derselben Methode nach 
allen Varianten durcharbeitete, wenn seine vielen Studienblätter bis auf 
uns gekommen wären. 
Auf anderem Kunstgebiete, nämlich in der Musik, machte es Beet- 
hoven gerade so. Seine noch erhaltenen paar Studienblätter zeigen, wie 
er oft zu einem einzigen Uebergang von nur zwei, drei Tacten zehn bis 
zwanzig Varianten niederschrieb, eine neben die andere, um sie alle 
untereinander vergleichen und abwägen zu können. 
Beachtenswerth ist noch, dass die Meister, welche so verfahren, 
wenn sie denselben Gegenstand durchstudiren, auch meist auf dieselbe 
Reihe von Combinationen verfallen, ohne deshalb im entferntesten von 
einander abzuschreiben. Es sind das eben alle diejenigen Combinatiunen, 
welche überhaupt möglich sind und die somit beim Durcharbeiten auch 
mit zwingender Nothwendigkeit von selbst entstehen. 
Diese Reihenfolgen der Combination sind es denn auch, welche die 
Möglichkeiten einer bestimmten Kunstrichtung mit mathematischerGenauig- 
keit endlich erschöpfen, welche allein Rechenschaft geben, 0b man wirklich 
etwas Neues gefunden hat, welche den logischen Fortschritt der Kunst 
überhaupt in sich schließen und endlich nach Erschöpfung aller Möglich- 
keiten, zur Aufsuchung neuer Grundideen drängen und auf diese Art 
sogar neue Stylrichtungen vorbereiten.
	        

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