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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XIX (1884 / 228)

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Das Freihapdzeichnen beginnt auf unterster Stufe mit geradlinigen 
und somit fast ausschließlich musivischen Mustern. Dies gilt in erhöhtem 
Maße, wenn man die textilen Muster vom Standpunkte der reinen Com- 
position aus unter Musivisches im weiteren Sinne subsumirt. Thatsächlich 
sind ja zahlreiche musivische und Textilmuster der Primitiv-Völker nicht 
zu unterscheiden und ist die sog. nLeinWandbindungß der Textilindustrie 
nichts anderes als das Schachbrettmuster der gewöhnlichen Steinpliasterung; 
der uKöpern oder die Diagonalverbindung umfasst die im Musivischen 
sog. Gräten und Zickzackmuster; die textile nAtlasbindungw und der 
-gebrochene Köperu sind die zerstreuten Muster der anderen Techniken. 
Alle diese Muster und noch viele andere hieher gehörige entwickeln sich 
logisch eines aus dem andern, und die wesentlichsten Grundsätze orna- 
mentaler Composition über Reihung, Symmetrie, Massenvertheilung, 
werden leicht daran entwickelt und neue Combinationen nach geringer 
Anleitung selbst von Volksschulknaben aller Alterstufen unschwer gefunden. 
Man hat es dabei meist (und wenn man will ausschließlich) mit Ornament- 
formen primitiver Kunststufen zu thun und das ist günstig, denn primitive 
Völker und Kinder zeigen in Allem eine gar merkwürdige Aehnlichkeit 
geistigen Lebens. 
Lediglich zu dem Zweck, das Interesse der Schüler am Zeichnen 
zu beleben, wurde ganz in der hier bezeichneten Richtung an verschiedenen 
Schulen schon Manches gethan. Dieser Vorgang müsste jedoch ganz 
bestimmt an Sicherheit und Verallgemeinerung gewinnen, wenn einmal 
eine Durchbildung des ganzen Zeichenunterrichtes in dieser Weise vor- 
läge und wenn Lehrmittel und lnstructionen schon zur Verfügung stünden, 
welche zu einem solchen Vorgang alles Nöthige enthalten. 
Schwieriger als dieser erste Theil ist der nun folgende Schritt. 
Gleich mit den Laubwerken zu beginnen, verursacht einen zu großen 
Sprung. Es sollen die stetigen krummen Linien in großen einfachen Zügen 
noch vorerst geübt und auch verstanden werden. Diejenigen, welche die 
Kreise hauptsächlich dem geometrischen Zeichnen zuweisen, mögen Recht 
haben, aber die Spiralen, Wellenlinien u. dgl., welche die Skelettlinien 
der meisten Laubornamente und alles Späteren ausmachen, die sollten 
nach rein pädagogischen Grundsätzen nun folgen. 
Vom Standpunkte gewerblicher Praxis und der Heranziehung des 
Entwerfens zu Diensten des Unterrichtes wird diese pädagogische For- 
derung als ein unumstößliches Axiom zu respectiren sein. Nicht soll das 
Kind mit dem Bade ausgeschüttet werden, nicht soll technischer oder 
Compositions-Dilettantisrnus getrieben werden auf Kosten der erziehlichen 
Nothwendigkeit. Nein! Es wird der Fachmann, der Kunsthistoriker sich 
blos auf dem ganzen weiten Gebiete der Geschichte aller Techniken ein 
wenig umsehen, wo er etwa in der Praxis eine Formengruppe findet, 
welche dieser pädagogischen Forderung entspricht.
	        

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