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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XX (1885 / 232)

1.9,. A 
drungen war; ihr vorwaltender Einfluss ist auch in den kunstgewerb- 
lichen Erzeugnissen deutlich zu erkennen. Willkür, Vernachlässigung der 
constructiven Gesetze und Ueberladung an Stelle edler, reiner Formen 
sind die Schäden, welche aus diesem Zustande entspringen. lm engsten 
Zusammenhange damit steht die fast ausschließliche Pflege und hohe Be- 
wunderung, welche dort der deutschen Renaissance zu Theil wird. Hat 
ja dieser Styl in malerischen Wirkungen seine wesentlichsten Reize. ln 
architektonischem Geiste gepflegt, wird er auch seinen vollgiltigen Werth 
im Reiche der Kunst niemals verlieren. Der beste Beweis dafür sind in 
München selbst die wahrhaft mustergiltigen Leistungen an der dortigen 
Kunstgewerbeschule. Wenn jedoch malerisches Empfinden sich seiner 
bemächtigt, führt er unwillkürlich zu barocken Erscheinungen, wie wir 
sie in der That in Hunderten von Münchener Illustrationen, kunstgewerb- 
lichen Erzeugnissen und Augenblicksdecorationen finden. Wenn nach- 
träglich von dortigen Kunstschriftstellern zur Vertheidigung der Mün- 
chener Renaissance wohlklingende Phrasen in's Feld geschickt werden, 
so sind diese keineswegs geeignet, unseren Widerstand zu brechen. Denn 
wenn es heißt, dass das Schwere und Wuchtige dieses Styles der derben 
Geradheit des oberbairischen Volksstammes entspräche, dass in den will- 
kürlichen Schnörkeln und all" dem unklaren bunten Detail die gemüths- 
tiefe Phantastik des Deutschen zum Ausdruck komme, und endlich sogar 
die Behauptung aufgestellt wird, dass die deutsche Renaissance viel 
männlicher und stolzer sei als z. B. die italienische, so gehört nicht viel 
Scharfsinn dazu, die Unhaltbarkeit solcher Sätze nachzuweisen. Nicht im 
Glauben an dieselben hat die deutsche Renaissance dort so feste Wurzeln 
gefasst und hält das künstlerische Urtheil derart gefangen, dass selbst 
das Hässliche und Rohe aus dem sechszehnten Jahrhundert nachgeahmt 
wird, sondern weil die Münchener Kunstindustrie im Großen und Ganzen 
einem Geschmacke entgegenkommt, dessen Ursprung sich auf das Maler- 
atelier zurückführen lässt. - Auf den Unbefangenen macht die Münche- 
ner deutsche Renaissance den Eindruck einer des nothwendigen künst- 
lerischen Ernstes entbehrenden Alterthümelei. Statt stimmungsvoll zu 
wirken, erweckt sie dann die unbehagliche Empfindung des Contrastes 
mit dem modernen Leben und seinen Bedürfnissen. Sie erinnert lebhaft 
an die vielverspottete Romantik der Dreißiger und Vierziger Jahre und 
hat ihr gegenüber nur den Vorzug, dass weit mehr Talent und Con- 
sequenz, ungleich ausgebreitetere Kenntnisse und Erfahrungen ihr zu 
Grunde liegen. Ohne Zweifel ist es ein schönes Ding um die Naivetät 
in der Kunst, und immer wird sie erquickend wirken, wo sie in ursprüng- 
licher Frische uns entgegentritt, aber mit Absicht naiv sein wollen heißt 
nichts Anderes, als Comödie spielen. Die Unwahrheit, die keineswegs im 
Geiste der deutschen Renaissance liegt, in der Art aber, wie dieser Styl 
in München häufig gepHegt wird, zum Vorschein kommt, ist es, die un- 
seren Widerspruch hervorruft. Zu dieser Unwahrheit ist sie aber gelangt
	        

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