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Full text: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XX (1885 / 241)

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jene vorn modernen Geschmacke unberührten Producte der Hausindustrie 
studiren, welche in entlegenen, der Cultur entrückten Dörfern noch zu 
finden sind. Diese Arbeiten sind natürlich mit den primitivsten tech- 
nischen Mitteln hergestellt, basiren auf uralten, zum großen Theil aus 
dem Oriente übernommenen Traditionen uncl beschränken sich auf eine 
kleine Gruppe von Gegenständen. Webereien sowie Arbeiten in Holz und 
Thon bilden die drei Hauptgruppen. Die Textilarbeiten liefern allerdings 
ungemein mannigfach variirte, aber doch im Ganzen ziemlich einförmige 
Motive, jedenfalls umfassen sie noch den relativ größten und verwend- 
barsten Formenschatz. Aermer an Formen und bäuerlicher in ihrem 
"ganzen Charakter ist bereits die Thonindustrie. Am ärmsten an origi- 
nellen und brauchbaren Motiven sind aber die nationalen Arbeiten in 
Holz. Hier hat der Einfluss des Orientes keine bemerkbaren Spuren 
hinterlassen, hier hat die geringe Zahl der in Anwendung gekommenen 
Werkzeuge, der völlige Mangel an Anregung von Seite der hohen Kunst 
und der geringe Aufwand an Mitteln es nur zu den bescheidensten Lei' 
stungen gebracht, hier fehlt es einer im modernen Sinne und für civili- 
sirte Verhältnisse schaffenden Kunstindustrie fast gänzlich an Vorbildern. 
Unter solchen Umständen ergibt sich die Beantwortung obiger Frage von 
selbst und es wäre kaum nöthig gewesen, sie des Breiteren zu erörtern, 
wenn es nicht den Anschein hätte, als würde eine gewisse, von dem 
besten Streben erfüllte Strömung in der Hauptstadt sich in dem lrrthume 
befinden, eine nationale Kunstindustrie scharfen zu können. Mit aner- 
kennenswerthem Aufwand an Scharfsinn und Fleiß finden wir, wie erwähnt, 
ganze Zimmereinrichtungen in diesem Sinne hergestellt. Natürlich ist hier 
jedes Säulchen und jeder Pilaster, ja jedes deutliche Profil an der Basis 
oder an Gesimsen von vorneherein ausgeschlossen. Die Hauptsache bilden 
immer die Füllungen mit irgend einem einfachen, der Textilindustrie 
entnommenen Muster, das Uebrige ist feinere Zimmermannsarbeit und 
muss es sein, weil es gezwungen ist, seine Motive den ländlichen Holz- 
architekturen zu entlehnen. Es mag daher eine solche Zimmereinrichtung 
noch so talentvoll concipirt sein, sie wird ihren bäuerlichen Charakter 
nie ganz verleugnen können, sie wird also etwa im Schlosse eines Guts- 
besitzers ganz am Platze sein, in städtische Umgebung gebracht, sich aber 
nie harmonisch in das Uebrige einfügen. Dies dürfte vielleicht auch die 
Ursache sein, warum die ungarische Aristokratie an diesen Versuchen 
keinen Gefallen Endet. Mag aber die ablehnende Haltung in diesen 
Kreisen auch andere Ursachen haben, jedenfalls sind die nationalen 
Motive nicht reich genug, um auf Grund derselben eine nationale Kunst- 
industrie, ja selbst nur einen einzelnen Zweig derselben zu schaffen. 
Nichtsdestoweniger hat sich in den der Kunst nahestehenden Kreisen 
der Residenz eine Vereinigung -- die vUngarisChe vaterländische Kunst- 
industriegesellschafta - gebildet, welche sich dieses Ziel gesteckt hat. 
Manchen dieser Versuche kann man eine talentvolle Durchführung nicht
	        

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