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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XX (1885 / 242)

Franzosen theilt, haben ihn nach und nach nicht blos alle Schwierigkeiten 
der Technik überwinden, alle ihre Geheimnisse wieder entdecken lassen; 
sie haben ihn auch veranlasst, mit den Schwierigkeiten zu spielen und 
alle gewonnene Technik zu Bravourstücken anzuwenden. Das wäre nun 
gerade kein Unglück, wenn der italienische Künstler auch den Geschmack 
des Franzosen, um nicht zu sagen, den seiner Vorgänger und Vorfahren 
im 15. und 16. Jahrhunderte besäße, allein das Gefühl für echte, ideale 
Schönheit, für Maß und richtige Gedanken geht ihm ab; er hält sich an 
Aeußerlichkeiten, an die Wunder seiner Technik und nimmt Reiz für 
Schönheit. Dazu kommt nun die Speculation auf die Welt der Touristen, 
die seine vornehmsten und zahlreichen Abnehmer sind, die wohl kommen, 
die alte Kunst Italiens sich zu betrachten, aber in den seltensten Fällen 
sich von ihrem Geiste erfüllen lassen. 
S0 hat die italienische Kunstindustrie mehr und mehr eine Richtung 
eingeschlagen, die nach dem Blendenden, selbst nach dem Frivolen strebt 
und in Coquetterie, um nicht ein anderes Wort zu brauchen, oftmals 
alle französischen Arbeiten übertrifft. Wo sie auf dem Standpunkte der 
Nachahmung bleibt und den edlen Vorbildern der Vergangenheit folgt, 
leistet sie Ausgezeichnetes; keine Arbeit ist ihr zu fein, keine Technik 
zu schwierig. Sie stellt uns Glasgefäße nach jener antiken, römisch- 
griechischen Art vor Augen, welche wir heute in ihren Fragmenten 
bewundern; sie wiederholt alle alten Majolica-Arten in Hülle und Fülle 
und gibt die verschiedenfarbigen Metalllustres auf denselben mit einem 
blendenden Glanze wieder, der nur zu sehr strahlend und stechend in 
das Auge fällt. Es fehlt auch hier das Maß, das Gefühl der Grenze, über 
welches der Effect nicht hinausgehen darf. So ist es auch mit den anderen 
Majoliken, welche nicht mit Metallglanz versehen sind; sie sind zu gelb, 
zu grün, zu blau, wenn man sie mit den alten Mustern vergleicht. 
Aber dabei ist die Maiolica-Fabrication nicht stehen geblieben; so 
sehr sie Schüsseln und Teller bemalt und diese Kunst über ganz ltalien 
verbreitet hat, so erscheint sie heute in ihrer neuesten Phase, wie sie sich 
in Antwerpen darstellt, vielmehr zu einer plastischen Kunst geworden, 
zu einer polychromirten Plastik. Voran gehen darin die Neapolitaner, 
aber sie stehen keineswegs allein. Diese Seite hat nun zwar auch die 
alte italienische Fayence-Kunst in den Arbeiten von Luca della Robbia 
und seinen Nachfolgern gekannt, bescheiden und rein decorativ in der 
Farbe, voll Empfindung in Gegenstand und Darstellung. Heute aber ist 
diese Plastik durch und durch modern, im schlimmsten Sinne des Wortes, 
nach den Gegenständen wie nach der coquetten naturalistischen Aus- 
führung. Es sind Genrefiguren, Modedamen, Damen der Halbwelt, Pierrots, 
Straßenliguren, klein und groß, in Köpfen und Büsten auch lebensgroß, 
oft wundersam angebracht, so z. B. Kopf und Brust eines zeitunglesenden 
Mannes in natürlicher Größe, aus einer Schüssel hervorragend. Alles das
	        

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