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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe I (1886 / 6)

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gewesenen Stickereien des Orients und der nationalen Hausindustrie an 
unserer Damenwelt spurlos vorübergegangen zu sein, so hatten sie auf 
einen kleinen aber berufenen Kreis umso nachhaltigere Wirkung geübt. 
Entsprechend dem Vorgange, den das Oesterreichische Museum bei der 
Wiederbelebung anderer Zweige der Kunstindustrie mit bestem Erfolge 
beobachtet hatte, gab es auch zum Zwecke einer Reformirung der Stick- 
kunst die Anregung zur Gründung einer Fachschule, für die man mit 
seltenem Glücke sofort auch die berufensten Lehrkräfte zu gewinnen 
wusste. Im October 1874 eröffnete die k. k. Fachschule für Kunst- 
stickerei ihren ersten Jahrgang. Nach einigen Jahren stiller und geräusch- 
loser Thätigkeit trat sie auf der Weihnachts-Ausstellung von 1877 mit den 
Leistungen ihrer vollendeten drei Jahrgänge in die Oeffentlichkeit, und 
von nun an beherrscht sie auch unbestritten den Eindruck auf sänimt- 
lichen Expositionen der folgenden Jahre. 1878 bedurfte es nicht mehr der 
officiellen Vertretung der Schule: sie war durch die mündig gewordenen 
Schülerinnen genügend repräsentirt. Die Industrie erschien daneben noch 
völlig in der hergebrachten Weißstickerei befangen; in der Folge verfiel 
sie auf die magere altdeutsche Leinenstickerei, bis sie endlich vor dem 
durch die Schule und ihre Zöglinge herbeigeführten Urnschwunge capi- 
tulirte. Dieser etwa ein Decenniurn umfassende Process kann heute 
wenigstens in der Theorie als abgeschlossen gelten; daher scheint der 
gegenwärtige Zeitpunkt vollkommen richtig gewählt, um die Resultate 
dieser Umwälzung auf einem Gebiete, das zu unserem täglichen Wandel 
in tausendfachen Beziehungen steht, zur anschaulichen Darstellung zu 
bringen. 
Wie 1873 nehmen auch diesmal die Schulen den hervorragendsten 
Platz ein - ganz naturgemäß, wenn wir erwägen, welch" entscheidenden 
Einfluss die Schule auf die Bewegung geübt hat. Aber von den sämmt- 
lichen 137 Schulen, die im Jahre 1873 exponirt hatten, stand diesmal 
eigentlich gar keine auf dem Programme. An Stelle jener Volks- und 
Bürgerschulen, die mit ihren primitiven Nutzarbeiten das Postulat 
der wkünstlerischen Artu nicht erfüllen konnten, waren diesmal die Special- 
schulen für Stickerei getreten, von denen zur Zeit jener vorangegangenen 
Ausstellung noch keine einzige existirte. Wenn nichtsdestoweniger die 
Arbeiten von etlichen zwanzig Schulen niederer Kategorie im Sitzungs- 
saale zur Ausstellung gebracht worden sind, so geschah dies einerseits 
um den zahlreichen Einsendungen von dieser Seite auch einige Rechnung 
zu tragen, ferner um an einer Lese von Beispielen zu zeigen, wie auch 
auf diesem weniger der Zier als dem praktischen Nutzen dienstbaren 
Gebiete der künstlerische Umschwung etwa Einliuss geübt haben mochte. 
Wie weit die staatliche Intervention hiebei von Erfolg gewesen ist, zeigt 
die Exposition von Arbeiten nach dem gesetzlich normirten Lehrplane 
vom Jahre 1882 für fünf Classen der Volks- und drei Classen der Bürger- 
schulen Wiens. Er umfasst sämmtliche Nutzarbeiten: Nähen, Stopfen,
	        

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