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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe I (1886 / 10)

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Regulativ, für die Kleinkünste, die schließlich auch die Beobachtung der 
richtigen Kürperproportioneit selbst im Zeichnen verlernen mussten. 
Längst vor 1204, dern großen Raube, den die Franken an Constantinopel 
übten, waren die prachtvollen Statuen, welche aus antiker Zeit sich in 
Constantinopel fanden, für eine Renaissance byzantinischer Kunst ein- 
llusslos geworden. Da aber die Handwerksübung blühte, so entstanden 
noch immer in Constantinopel ganz ausgezeichnete Werke, deren nicht 
wenige schon vor 1204 nach dem Westen gekommen sind: ich erwähne 
zunächst nur ein paar Werke byzantinischer Abkunft, die Pala d'oro von 
S. Marco zu Venedig, entstanden 976 in ihren ältesten Bestandtheilen; 
das prachtvolle Kreuz von Hohenfurt oder wenigstens die Stücke des- 
selben mit dem wundervollen Email cloisonne; dann die alten byzantini- 
schen Bestandtheile des Graner Domschatzes; einzelne alte Stücke am Prager 
Domschatze; das Aachener Reliquiar mit dem Haupte des heil. Anastasios, 
eine Kuppelkirche darstellend, also ein Nachweis, dass auch die byzan- 
tinische Kunst die Umwandlung des Reliquiars zur Kirche, Beweis an 
dem Kuppelbau in der S. Marcoschatzkammer, kannte, viele Reliquien 
von Köln und anderen Städten. 
Während, dieser Zeiten hatte der Occident zunächst sich zu con- 
solidiren; zunächst kam bleibende Ruhe nach Frankreich, wo dann auch 
bald die schon von den alten Galliern geübte und geliebte Goldschmiede- 
kunst noch unter den Merowingern auflebte, so dass ein gallischer König Gold- 
geschenke nach Byzanz senden konnte. Die Kunst des heil. Eligius, des 
Goldschmiedes, beruht auf den alten gallischen Uebungen und antiken 
Reminiscenzen. Ein Kloster, das der heil. Eligius  633) gründete, 
Solemniac, wurde ein wahres Künstlerheim, und schon in diesen alten 
Zeiten sind die Goldschmiede von Paris zu Ruf gekommen. 
Aber einen eigentlichen Haltpunkt in der Entwickelung des europäi- 
schen Staatensystems bot doch erst Kaiser Karl des Großen Staaten- 
schöpfung. Da gewinnen alle Künste feste Punkte, von denen aus sie sich 
entwickeln können; feste Punkte auch in topographischer Beziehung. 
Ich meine für das Goldschmiedehandwerk die Städte, deren jede nach 
den Absichten Karl's ihre Goldschmiede haben sollte, ich meine vor Allem 
Aachen, Köln, wo bald danach die den Barbaren längst bekannte Kunst 
des Champleve hervorgesucht und in glänzender Weise geübt wurde, 
ich meine Stifte wie Fulda, wie das kunstgeübte Tegernsee, wie das 
kunstberühmte Oberzell auf der Reichenau, St. Gallen mit seiner im 
9. Jahrhunderte besonders blühenden Kunstschule, deren Wirkung in dem 
großen Kreuze von Constanz, von B. Salomo  919) uns vor Augen tritt; 
ich meine Krernsmünster und St. Florian, wo sicher die Metallurgie 
geblüht hat, so dass die berühmte freilich um 300 Jahre jüngere Rotula 
von Kremsmünster kaum von auswärts gekommen sein mag. Denn mehr 
und mehr stellt es sich heraus, dass der Einfluss der byzantinischen 
Theophanu nicht so durchgreifend war, urn eine byzantinische Kunst-
	        

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