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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe II (1887 / 2)

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Bassin steigt jetzt ein monumentaler, oft auch plastisch verzierter Sockelbau für die 
Brunnenügur empor, die nicht mehr wie früher die Zierde des Gipfels über dem 
Schalenaufbau bildet, sondern so eigentlich ein Staiidbild und als solches der Haupt- 
gegenstand der Darstellung geworden ist. Die weitgeranderten Schalen des früheren 
Normaltypus sind etwa durch Muscheln an den Seiten des Postamentes mit untergeord- 
neten Wasserabilüssen ersetzt. (Das bedeutsamste Beispiel dieser Art: der Fonte del 
Nettuno von Tommaso Laurenti und Giovanni Bologna auf der Piazza Nettuno in Bo- 
logna. Hieher gehören auch - der ausdrücklichen Stylverwandtschaft nach - die 
Brunnencompositionen von niederländisch-italienisirender Herkunft in Deutschland: so 
die stattlich-reiche Fontaine mit dem Standbilde Otto V. von Wittelsbsch in dem acht- 
eckigen Brunnenhofe der Residenz in München von Candido; der von Hubert Gerhard 
gegossene Augustusbrunnen in Augsburg; dann der Hercules- und der Mercursbrunnen 
daselbst, beide von Adrian de Vries. Die reichliche Assistenz von umgebenden Neben- 
üguren mit ausspritzenden Wasserstrahlen - namentlich am Augustusbrunnen _ ist 
eine Concession an den deutschen Geschmack.) Der Vortrag verweilte ferner ausführlich 
bei den römischen Brunnen, mit genauer Unterscheidung der über'die Plätze der 
Stadt vertheilten Beckenfontainen und der Austlüsse der großen Wasserleitungen, die 
aus den Nischen mächtiger monumentaler Wanddecoratiotien hervorstromen. 
Der zweite Vortrag hob den specifischen Unterschied der italienischen 
und deutschen Brunnen hervor, soweit die letzteren dem engeren Stilbegriffe der 
deuts chen Renaissance angehören. ln dieser steckt noch ein Rest gothischer Ueber- 
lieferung. (Der typische Gegensatz des südlichen und nördlichen Brunnengedankens 
spricht sich am deutlichsten in folgenden zwei Beispielen aus: dem Fonte Gaja in Siena 
mit dem viereckig breiten, kaum aus dem Boden heraustretenden Becken, und dem 
schlanken Zierthurme des -sch0nen Brunnens: in Nürnberg.) Auch die deutsche Renais- 
sance halt an der Hühentendenz des Brunnenaufbaues fest. Aus einem polygonen Bassin 
lässt sie über einem hohen Sockel eine kraftige Säule emporsteigen, oft mit phatasti- 
scher Capitalbildung. Am Sockel setzen mittels Masken, Lowenkopfen etc. die Austluss- . 
rohren an, die das Wasser in das Becken entsenden. Auf dem Saulenknaufe steht ein 
gepanzerter Ritter mit Helm und Lanze, oder ein aufgerichteter Löwe mit einem Wap- 
penschild: zwischen den Pranken, oder ein Heiliger von localer Cultusbedeutung. Die 
plastische Charakteristik des deutschen Brunnens bleibt auf lange hinaus heraldisch oder 
religiös - hie und da macht sich auch in den genrehaft behandelten Kronungstiguren 
ein derber Brunnenhumor geltend -während in Italien die classische Mythologie des 
Wasserreiches, Neptun, Oceanus, Amphitrite, die Tritonen und Nymphen die ganze 
Brunnenplastik beherrschten. 
Der Vortrag betonte weiterhin, dass gegenüber jenen echt deutschen Röhren- 
brunnen mit den hohen Mittelsäulen, die mit reichern Sculpturschmucke ausgestatteten 
Schalenbrunnen entschieden auf italienische Einwirkung hinweisen (so der Brunnen in 
Friesach, aus dem Schlosshofe von Tanzenbei-g dahin versetzt, und der iisingende 
Brunnen: nächst dem Belvedere auf dem Hradschin zu Prag). Auf die Besprechung der 
Ziehbrunnen mit künstlerisch durchgebildetem Eisen- und Bronzewerke musste der Vor- 
trag verzichten, weil dies in ein anderes, eine selbständige Würdigung beanspruchendes 
Kunstgebiet hinubergeht. Die Darlegung der weiteren Stilwandlungen der deutschen 
Brunnenbildnerei unter dem Einßusse des italienischen Barocks und des französischen 
Rococo im 17. und 18. Jahrhunderte fallt in das historisch ausführende Detail des 
Vortrages. . 
- ln Folge Absage des Prof- v. Ltitzow entfielen dessen für den 5. und 13. Janner 
angesetzte Vorlesungen und sprach am I3. Prof. Dr Wickhoff über iGoetlie's ita- 
lienische Reisel. 
Literatur - Bericht. 
Technisches Zeichnen für das Kunstgewerbe. I. Das geometrische Zeichnen. 
Im Auftrage des k. k. Oesterr. Museums für Kunst und Industrie in 
Wien herausgegeben von Julius Kajetan, k. k. Professor etc. etc. 
Wien, Karl Graeser, 1887. 8". 76 S. mit 13g Textfiguren. 80 kr. 
Den besonderen Bedürfnissen der Vorbereitungsscliule der Wiener Kunsigewerbe- 
schule angepasst und hervorgegangen aus langjähriger Erfahrung beim Unlerrichle, fasst 
diese: Werk in möglichst knapper Form alle yene Grundlehren und Conslruciionen aus 
der Geometrie zusammen, welche für das Studium der Projectionslehre, sowie der
	        

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