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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe II (1887 / 3)

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brauchbarer Weise publicirt ist und interessante Landschaften als Schauplatz der heil. Ge- 
schichte zur Darstellung bringt. Kaemmerer's Beurtheilung der karolingischen Auffassung 
der Landschaftsmalerei (S. 13 E.) an der Hand der Schriftquellen ist verdienstlich. 
Nebstbei mochten wir auch seine zutreffende Bemerkung bezüglich der Monatsbilder 
hervorheben, auf die er durch eine Stelle der libri carolini geführt wird. Dagegen 
ist der Abschnitt über die landschaftlichen Elemente in den ltarolingischen Minia- 
turen nicht selbstandig und ausführlich genug. So vermisse ich u. A. gänzlich die 
Benutzung des wohl noch carolinischen Evangeliars in der Wiener Schatzkammer. Ein 
eigentlicher Ueberblick über die bald antikisirende, bald orientalisirende Richtung der 
karolingischen Miniaturen, sowie über die irisch-an elsächsischen und merowingischen 
Elemente derselben tritt nirgends zu Tage. Die Bibe von San Callisto wird (wohl nur 
mittelst Druckfehler) in's to. Jahrhundert versetzt (S. 25). ln dem Abschnitte über das 
Psalterium aureum von St. Gallen wird auch von der Darstellung des Terrains durch 
Bogenlinien gesprochen. Eine neue Beobachtung, die sich mir wiederholt beim Studium 
dieser Formen aufgedrängt hat, ist die. dass diese Bogenlinien fast ausnahmslos nach 
dem natürlichen Muskelzuge der rechten Hand verzogen sind, also dieselbe Neigung 
nach rechts zeigen wie die Züge aller rechtshin gezogenen Cursivschriften. Befriedigend 
zu erklären ist diese Erscheinung aus dem Bau und der Function der menschlichen 
Hand. Unsere Beobachtung lasst von Neuem erkennen, dass die meisten Miniaturen des 
frühen und hohen Mittelalters auf den untersten Stufen zcichnender Kunstübung stehen 
geblieben sind. 
Selbständiger als die früheren Capitel hat Kaemmerer den Abschnitt über roma- 
nische Kunst aufgefasst, in welchem mir übrigens ein Heranziehen auch der Plastik 
erwünscht scheinen mochte. Nach meinem Geschmacke vermisse ich auch eine übersicht- 
liche Gliederung der morphologischen Elemente jener unausgebildeten Landschaft des 
hohen Mittelalters, etwa eine Eintheilung in: Terrain, Vegetation, Himmel und Wolken, 
Wasser. Am meisten Mannigfaltigkeit bietet jedenfalls die Darstellung der Vegetation. 
Die zwei Typen von Baumen allein, die Kaemmerer (S. 29 f.) hervorhebt, sind entschieden 
zu wenig. Zum mindesten musste noch ein dritter Typus, ein Geaste mit stilisirten 
Blättern daran, aufgestellt werden, neben den Rankenstilisirungen und den pilzhutartigen 
Formen; ganz abgesehen von den mannigfachsten Formen fruchttragender Baume etc. etc. 
Eine historische Betrachtung der oben gegebenen Elemente mit Ausnahme der Vegetation 
zeigt auffällig, wie nahe verwandt die niedrigen Darstellungsformen, sowohl von Wasser 
und Terrain, als auch von Wolken unter einander sind. Ueber die Embryologie (man 
gestatte den ungewöhnlichen aber gewiss bezeichnenden Ausdruck) der Wolkendar- 
stelluug habe ich an anderem Orte Andeutungen gegeben. Die Darstellung bewegten 
und ruhigen Wassers könnte an und für sich Gegenstand einer kleinen Studie bilden. 
Zu Seite 3o-3t von Kaemmerefs Buch, wo zahlreiche Beispiele registrirt werden, hatte 
ich zu bemerken, dass sich in einem der Hildesheimer Domcodices (Evnngeliar aus dem 
tt. Jahrh.) auf Fol. 75b eine fast selbständige Landschaft findet, deren Betrachtung für 
das Thema von Wichtigkeit ist. Die Darstellung der Himmelfahrt ist vom Miniator auf 
jenem Bilde fast ganzlich vergessen über der Freude an blühender Vegetation. 
Abgesehen von einigen Beobachtungen, die auf Werke des 14. Jahrhs. bezogen 
werden, aber an alteren Denkmälern schon zu machen gewesen waren (Dißerenzirung 
von Stamm und Krone der Baume durch die Farbe), ist das Capitel über die Land- 
schaft zur Zeit des gothisehen Stiles jedenfalls sehr correct ausgearbeitet. Bezüglich der 
Van Eyck's konnte erwähnt werden (S. 46 Anm), dass die Annahme des Abbate Morelli, 
als hatte Jan van Eyck selbständige Landschaften gemalt, schon in l"riz70ni's Ausgabe 
des Anonimo Morelliano (S. 31) angezweifelt worden ist. lm Uebrigen ist der Abschnitt 
über die alt-flandrische, die Brabanter, die holländische und rheinische Malerei tüchtig 
durchgcbildet; ebenso, wie schon angedeutet, das Capitel über die Landschaft bei Dürer. 
Das sogenannte Traurrgesicht Dürer's von 1525, das für des Meisters Beurtheilung auf 
dem Gebiete der Landschaftsmalerei nicht ohne Belang ist, habe ich nicht erwahnt 
gefunden. Trotzdem dürfen wir mit dem Urtheile nicht zurückhalten, dass Kaemmerer 
offenbar mit Methode auch die Dürer-Forschung gepllegt hat. Fr. 
La femme au dix-huitieme siecle. Par Edmond et Jules de Goncourt. 
Nouvelle 6dition.... par Dujardin. Paris, Firmin-Didot, 1887. 4.". 
Vll 'u. 403 S. mit 64 Illustrationen. 
Das wohlbekannte Buch der Brüder Goncourt, das in erster Ausgabe bereits im 
Jahre 1862 erschienen, zeigt sich in dieser zweiten Ausgabe in ganz neuer Gestalt. Jene 
erste war ohne alle Abbildungen; man hatte sie bei dem Interesse, welches sich mit 
vielen der im Texte erwähnten und geschilderten Personlichkeiten verknüpfte, ungernc
	        

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