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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe II (1887 / 9)

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ein Eros, dessen nach rückwärts gebogene Füßchen in den Ring über- 
gehen, so dass er in anmuthiger Weise zu beiden Seiten der Wangen 
zu schweben scheint "). 
Bei einer großen Zahl von Ohrringen ist es auffällig, dass der mit 
den Spitzen nach aufwärts gekehrte Halbmond das Grundmotiv der Orna- 
mentirung bildet, und es dünkt uns keine genügende Erklärung hiefür, 
auf den prophylaktischen Charakter des Halbmondes hinzuweisen, umso- 
mehr, als der Halbmond sich dabei nicht als solcher dem Auge auf- 
drängt, sondern als constructiver Theil des Gehänges angesehen werden 
muss. Gehen wir aber den constructiven Formen nach, so führt uns der 
Weg auf die einfache Ringform zurück. Bei einem Ohrring, im wört- 
lichen Sinne genommen, musste naturgemäß der obere durch das Ohr zu 
steckende Theil dünn sein, während die untere Hälfte allmälig anschwellen 
und wieder abnehmen konnte. Diese Art des Ohrringes zeigt uns somit 
eine halbmondförmige Bildung und bietet eine Oberfläche dar, die sich zu 
rnannigfacher Ornamentirung mit Kügelchen, eingravirten Linien u. s. w. 
eignet "). Weiter fortschreitend zeigt sich eine doppelte Bereicherung, 
und zwar sowohl im Inneren der Curve als auch an der Peripherie. 
Letztere mit verschiedenartigen Gehängen zu versehen war naheliegend; 
nach Innen zu waren es aber Palmetten, Rosetten u. dgl., die den Raum 
gefällig ausfüllten. Indem die ursprüngliche Ringform eine derartige Be- 
reicherung erfuhr, vollzog sich eine weitere, ebenso naturgemäße, als für 
diese Form des Ohrgehänges geradezu nothwendige Wandlung. Indem 
nämlich der Ring im rechten Winkel zur Gesichtshäche herabhing, kam 
jede Bereicherung desselben nur bei der Profilstellung des Kopfes zur 
vollen Geltung und musste von vorne gesehen ungünstig wirken. S0 
sehen wir denn auf einer weiteren Stufe der Entwickelung dieses Motives 
den Halbmond vom Ringe losgelöst und in paralleler Stellung zur Ge- 
sichtsüäche. Damit war nach oben zu eine Verhüllung des Dornes noth- 
wendig, der durch das Ohr gesteckt werden soll, da er sich nun nicht 
mehr organisch an den Halbmond anschließen konnte. Es ist nun bekannt, 
dass die Griechen es liebten, technische Vermittlungen, die ästhetisch 
schwer zu lösen waren, durch Maskirung im eigentlichen Wortsinne, 
also durch Versetzen einer Maske künstlerisch zu symbolisiren, und eine 
solche Maske finden wir auch wirklich an einem Ohrgehänge des Berliner 
Antiquariums"'). Den mit reicher Granulirung versehenen Halbmond 
schmücken fünf zierliche Gehänge mit Edelsteinen, während oberhalb 
der mit einem Edelstein ausgefüllten Curve eine männliche Maske den 
Verbindungspunkt mit dem Dornansatz verhüllt. Außerordentlich reiche 
') Beispiele: Matthias, Der menschliche Schmuck, Taf. 4. 
") Beispiele: Cesnoln, Cypern, Tuf. 64, T. 4. - Schlinmann, llmS, Nr. 841. 
Cnmpte rendu, 1876, Taf. 3 Fig. 4.1.. - Am. du Bosph. Tnf. 24 Fig. 14 etc. 
"') Sieh: Manhins a. n. O. Tnf. 4, Fig. 7. 
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