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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe VIII (1873 / 90)

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sich zum mindesten, wahrscheinlich durch ragusanische ältere Meister, in 
den bulgarischen Holzschnitzarbeiten und selbst theilweise in der Archi- 
tektur Bahn gebrochen. Man kann in keine der neueren kirchlichen Bauten 
der Balkan-Länder eintreten, ohne den auffälligsten Einflüssen italienischer 
Kunst zu begegnen. Oft scheinen die reiche Ikonostasis-Wand, Ambone, 
Kirchenstühle direct aus Venedig bezogen, und doch war ich in den 
Werkstatt-Annexen der Popenhäuser gar manchmal Zeuge ihrer Ent- 
stehung. Grösstentheils aus Eichen- oder Nussholz werden sie von welt- 
lichen Meistern, am vortrelflichsten von einzelnen Geistlichen und deren 
Söhnen geschnitzt. Figurenreiche Dyptichons, Kreuze, Rosenkränze u. s. w. 
gehen ausschliesslich aus den Klöstern hervor, wie die bulgarischen Mönche 
überhaupt im Gegensatze zu ihren serbischen Brüdern weit mehr ihre 
freie Zeit mit verschiedenen Hantirungen, mit Malen von Heiligenbildern, 
Photographiren, Buch- und Steindruck u. s. w. ausfüllen. 
Von den städtischen Frauen wird mit Vorliebe beinahe in jedem 
Hause ein leichter, bräunlicher Sommerstoff erzeugt, und namentlich zu 
Herren-Sommeranziigen verwendet. Der modernisirte türkische Beamte, 
der christliche Kaufmann u. s. w. erscheinen in Schaig gekleidet. Manche 
Balkan-Städtchen betreiben diesen gewinnreichen Webezweig fabrikmässig, 
exportiren ihn und machen den österreichisch-englischen leichten Stoffen 
ernsthafte Concurrenz. - Auch die Schnür- und Posamentierarbeiten 
(Gaitan) gehen weit bis nach Siebenbürgen, in die Walachei, ja selbst 
bis nach Smyrna. Die goldstrotzenden, vielgepriesenen Baschlik (Kopf- 
zierde der Pferde), welche man bei feierlichen Aufzügen des Grosssultans 
ob ihrer Pracht anstaunt, rühren gleichfalls aus dem Balkan her. Zu 
Travna sah ich einen Pferdeaufputz für den Pascha von Trnovo zum 
Preise von 200 Ducaten, und er gehörte durchaus nicht zu den kostbaren. 
Die reichste Gestaltungskraft, vereint mit angebornem Rhythmus für 
Linien- und Farbenharmonie, tritt aber am eminentesten in der bulgari- 
schen Teppichfabrication zu Tage. Bekanntlich findet man Sitz- und 
Bodenteppiche bei Türk' und Christ selbst in der ärmsten Hütte. Der 
Msslim bedarf überdies eines besonderen Gebetteppichs. Dieser ausser- 
ordentliche Consum von Teppichen bestimmt die industrielle Physiognomie 
ganzer Bezirke des Balkans und vorzüglich der Umgebung von Pirot und 
Ciporovica. Dort bildet beinahe jedes Haus eine Fabrik. Männer und 
Frauen theilen sich in das Sortiren, Spinnen und Färben der Wollen. 
Das Weben ist aber ausschliesslich der Frauen Sache. An Teppichen 
grossen Formats (16 Quadratellen) sind gleichzeitig vier bis sechs Frauen 
und Mädchen beschäftigt. Letztere stehen oft im zartesten Alter, bewegen 
aber gleich den Erwachsenen ihre Schützen und Festschlagkämme mit 
unglaublicher Kraft und Flinkheit; ohne irgend welche Vorlage entstehen 
die traditionellen Muster, jene reizenden, bunten geometrischen Figuren 
im auf- und absteigenden Zickzack, welche auf der letzten Pariser Aus- 
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