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Objekt: Alte und Moderne Kunst IV (1959 / Heft 5)

 
Brnnzu-ehef, 1949 (ca. 50cm . x 35 cm). 
Aus dem bewegten Flüchengrund tritt „das Figurnle" als ein Struktur- und Formbildungsakl in verschiedenen Phasen 
hervor, wobei die zarten Andeutungen der jeweils rechten Figur der beiden Gruppen überhaupt nur „graphis.:h" 
oder im Flachrelief dem Hintergrund abgerungen sind. In der Körperglicdcrung machen sich schon deutlich Züge einer 
Geslnltgebung bemerkbar, die der heutigen Art Wotruhas entspricht. 
felsohnc mit „ldolcn" und dergleichen nichts zu schaffen hat. 
Der Mensch vielmehr in seiner Wirklichkeit als Kreatur, die 
sowohl ins Geistige hinaufragt als auch in der Erde wurzelt, 
das Menschsein also als ein Schicksal und als eine Haltung, das 
ist Wotrubas Figurenthema. 
Bei Marini, abgesehen von seinen Porträts, stehen das Pferd 
und der Reiter obenan, bei Laurens war es die aus dem Kubis- 
mus heraus entwickelte freie plastische Form. Henry Moore 
wieder geht es neben gewissen surrealistischen Akzenten um 
das Verhältnis von Hohlraum und Masse zueinander und über 
den Menschen hinaus um eine Form, an der, wenn auch selbst- 
verständlich „übersetzfß Wind und Wasser mitgebildet zu 
haben scheinen. In den Plastiken Giacomettis schließlich zeigt 
sich die menschliche Figur geradezu auf das Gespenstisch-Schat- 
tenhafte reduziert. 
Fritz Wotruba hingegen legt es, wie das nicht nur der frühe 
jünglingstorso in seinem Atelier, sondern eben auch die Zeich- 
nungen aus der Zeit vor und um 1930 dartun, von vornherein 
auf den Menschen als solchen an. Da wird begreiflicherweise 
zunächst einmal die Naturform des Körpers angesprochen, 
aber keineswegs „kopicrt", sondern von Anfang an auf ihren 
Haltungscharakter hin vereinfacht und komprimiert. Dann - 
und auch das ist völlig folgerichtig - findet eine Steigerung 
sozusagen im Künstlerischen statt, wobei aber Wotruba das 
Künstlerische nicht etwa als eine „ästhetische" Verkünstlichung 
der Form, als eine Tributleistung an das „Schöne", sondern 
als einen Akt der Vereinfachung und Verwesentlichung prak- 
tiziert. Es ist daher kein Zufall, daß er sich während seines 
Schweizer Exils dem gleichsam Archaischen als dem knospen- 
haften Zustand und Konzentrat aller bildnerisehen Wesensaus- 
sage zugewandt und verpflichtet zeigt. 
Erst die Dramatisierung seines persönlichen und des allgemei- 
nen Menschcnschicksals durch die keineswegs über bloß Schuld- 
lose hereingebrochene, sondern durchaus auch schuldhaft ver- 
ursachte Katastrophe des Zweiten Weltkriegs, erst die Rückkehr 
aus der vcrschonten in die unmittelbar betroffene Welt hebt das 
bewahrende Genügen an der „Archaik" auf und reißt Wotruba 
mitten in den Kampf, nicht nur um die Behauptung, sondern 
auch um die XViedcrgt-winnung des Menschseins hinein. Der 
Weg in den Anfang von einst erweist sich als endgültig ver- 
legt oder gar als Illusion, und der in den von heute muß erst 
mühselig gewonnen werden. 
Um Wotrubas Weg und Beitrag in diesem Kampfe zu verstehen, 
muß man sich über die Gefahren und Schwierigkeiten, die ihn 
behindern, im klaren sein. Sie sind von dreierlei Art. Erstens 
hält der Mensch in Notzeiten an dem, was vorher war, besonders 
fest. Zweitens und in Entsprechung zu dem vorher Gesagten 
sind die, die an das Vorgestern sozusagen nahtlos anzuknüpfen 
sich bemühen, besonders zahlreich. Und drittens putzen sich 
gerade Impotenz und Haltungslosigkeit mit „Tradition" auf. 
Dem Bankrott schaut keiner gern ins Auge. Für die Wahrhaftig- 
keit eines echten Anfangs von Grund auf also sind die Aus- 
reden, Lügen und Beschönigungen schwieriger zu überwindende 
Hindernisse als selbst die umfangreichsten Ruinenfelder. 
Hier setzt nun Wotruhas besonderer Gestaltkampf ein. Er geht 
tatsächlich von der Stunde Null aus, anstatt sie zu negieren, 
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