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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe VIII (1873 / 97)

Indessen schien es auch, als ob eine entsprechende Masse von Kräften uns zu- 
wachsen wiirde, welcher die Beherrschung dieses Stoffes nicht misslingen 
könne. Leider haben wir seitdem erhebliche Verluste erlitten; eine Reihe ver- 
dienter Forscher, zum Theil in der Blüthe ihrer Tagemnd auf der Höhe ihrer 
Leistungen, sind aus unserer Mitte abberufen; der Congress wird dem Schmerze 
dieser zum Theil noch sehr frischen Wunden Ausdruck leihen. Er gewährt 
zugleich aber durch den Anblick einer kräftigen, von lebendiger Kunstliebe er- 
füllten Schaar von jüngeren Gelehrten einen Trost in diesem Schmerze und die 
wohlbegründete HoHnung neuer Fortschritte. 
Es lässt sich nicht verkennen, dass zwischen dieser jüngeren Generation 
und der älteren, ihr vorher gegangenen, eine Differenz besteht. Wir legten 
vielleicht zu grosses Gewicht auf den Zusammenhang des Ganzen, während 
ietzt die Fülle des Einzelnen und kritische Unterscheidung stärker betont 
wird. Es ist dies an sich nur der nothwendige Gang der Dinge; Allgemeines 
und Einzelnes stehen im Verhältnisse gegenseitiger Ergänzung, Jedes ruft das 
Andere hervor, und es ist an der Zeit, das Einzelne kritisch zu sichten, sobald 
der Zusammenhang des Ganzen genügend festgestellt ist. Bei alledem aber 
hängt diese Differenz doch auch mit einer Eigenthiimlichkeit der Zeit zusam- 
men, welche eine Berücksichtigung von Seiten des Congresses erwünscht macht. 
Jeder, der dern Gange der heutigen Kunstentwickelung längere Zeit hin- 
durch gefolgt ist, wird anerkennen, dass sie trotz äusserer Gunst mit grossen 
inneren Schwierigkeiten zu kämpfen hat. Was ihr fehlt, ist die kühne, leben- 
dige Regsarnkeit der Phantasie. Unsere Zeit kennt kaum das andeutende, durch 
die entgegenkommende Einbildungskraft des Empfangenden belebte Wort, sie 
verlangt überall materielle, naturalistische oder urkundliche, greif- und mess- 
bare Wahrheit. Unsere politische, religiöse, wissenschaftliche Stellung drängt 
uns in diesen Weg. Auch die Kunst hat sich dieser Richtung nicht ganz ent- 
zogen, sie hat den Versuch gemacht, auch in ihr sich Lorbeem zu erwerben. 
Aber schon jetzt ergiebt sich, dass ihr dadurch die höchsten und edelsten Auf- 
gaben verschlossen werden, und die Geschichte erweckt uns die Besorgniss, 
dass selbst ihre scheinbar hohe Blüthe nicht von langer Dauer sein wird. Ich 
will nicht behaupten, dass auch die Kunstgeschichte als Wissenschaft schon 
jetzt durch diesen Mangel gefährdet sei; die Liebe, mit der man sich der Ver- 
gangenheit zuwendet, beruht sogar vielleicht auf der Ungewissheit der Zukunft. 
Aber dennoch ist der Zusammenhang-mit der lebendigen Kunst auch für uns 
zu wichtig, als dass wir die Mängel mit Gleichgültigkeit betrachten könnten. 
Mit Recht hat daher der Congress einen Abschnitt der in _sein Programm 
aufgenommenen Fragepunkte dem Unterrichte der Kunstgeschichte gewid- 
met. Ich bitte um Erlaubniss, darüber einige Bemerkungen vorzutragen. Man 
wird dabei (und dies scheint in der That die Meinung der Verfasser jenes Pro- 
grammes zu sein) zwischen dem vorbereitenden, pädagogischen und dem eigent- 
lich scientitischen Unterrichte unterscheiden müssen. An Mittelschulen darf, 
denke ich, nur von dem ersten die Rede sein. Die gewaltige Masse des Lehr- 
stolfes noch durch das kunstgeschichtliche Material vermehren, würde nicht bloss 
fruchtlos, sondern vollkommen zweckwidrig sein. Es kommt darauf an , die 
Flügel der Phantasie zu befreien und zu kräftigen, nicht sie durch neuen Bal- 
last von Worten und Thatsachen zu lähmen. ln welcher Weise dieser wich- 
tige Zweck zu erreichen, ist eine schwierige Frage pädagogischer Erfahrung, 
auf die ich mich nicht weiter einlassen darf; es kann sein, dass nur durch An- 
schauung und durch eine Formenlehre, für welche allerdings die Lehrkräfte 
schwer zu finden sein werden, geholfen werden kann. 
Die Kunstgeschichte als solche bleibt jedenfalls den höheren Lehranstalten,
	        

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