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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe IX (1874 / 100)

die Vorlagen zum Zeichenunterrichte nicht mit Rücksicht auf die bereits 
erlangte Fertigkeit im Zeichnen wählt, sondern mit Rücksicht auf das 
Geschlecht, den Stand des Schülers und seinen künftigen Lebensberuf. 
Handelt es sich um den Zeichenunterricht für Mädchen, so nimmt 
man auf die Bildung des Schönheitssinnes, auf das Gemüth und das Herz 
der jungen Dame gewöhnlich in erster Linie Rücksicht. Der Unterricht 
soll nicht ernst sein, sondern erheiternd und anregend. Alles Trockene, 
d. h. Alles, was nach unserer Meinung unerlässlich nötbig ist, um den 
Zeichenunterricht nutzbringend zu machen, wird gründlich vermieden, und 
man sucht so schnell als möglich Vorlagen aus, welche wie es heisst geeignet 
sind, den Schönheitssinn und die Herzensbildung der Dame zu fördern. 
Kleine Landschaften womöglich nach Namen, die in der Welt eine Be- 
rühmtheit haben, von Höger bis hinauf zu Ca-lame, Blumen und 
manchmal auch litbographirte ldealköpfe werden in bunter Reihenfolge ge- 
wählt, ohne einige Kenntniss von Perspective und Schattenlehre. Mit einem 
Minimum von Fertigkeit in der Handhabung des Bleistift oder der Kohle, 
wird- so Jahre lang fortgezeichnet, bis endlich die zarte Jungfrau zur 
wirklichen Hausfrau wird und Gelegenheit findet, die erlangte Zeichen- 
fertigkeit zu erproben. Da aber die Aufgabe einer Hausfrau im Copiren 
von lithographirten Vorlagen nicht besteht, so kommen praktische Auf- 
gaben anderer Art 'vor, die eine gewisse Fertigkeit im Zeichnen voraus- 
setzen. Sie braucht ein Stickmuster; sie weiss aber nicht, wie sie es an- 
fangen soll, mit Sicherheit ein gegebenes Motiv zu verwenden, sie soll 
bei irgend einer ähnlichen Gelegenheit eine Kreislinie eintheilen; aber 
das hat sie beim Zeichenunterrichte nicht gelernt. Sie geht auf's Land 
und will eine kleine Landschaft aufnehmen, unsicher in den ersten Ele- 
menten der Perspective, stolpert sie schon trotz mehrjährigen Unterrichtes 
bei der einfachsten Anwendung dieser trockenen, aber nützlichen Wissen- 
schaft. Sie hat eben nichts gelernt, als ein gedankenloses, mechanisches 
lmitiren von Vorlagen; tritt sie einmal in eine Gemäldegallerie, so ist 
ihr, die Jahre lang Blumen und Landschaften gezeichnet hat, auch der 
Sinn nicht geöifnet worden, einen De Hem oder Ruisdael zu verstehen. 
Noch mehr steigern sieh diese Mängel bei dem Zeichenunterricht in der 
vornehmen Gesellschaft, die es bekanntlich mit dem Ernste im Unterricht 
überhaupt nicht sehr strenge nimmt. - Da ist der Zeichenlehrer in der 
Regel nichts weiter, als ein besserer mäitre de plaisir, der berufen ist, 
dem jungen Herrn oder der jungen Dame eine angenehme Unterbre- 
chung zu bereiten, wenn jener angeblich zu viel mit Latein oder Grie- 
chisch geplugt ist, oder diese sich" viel zu sehr mit ascetischen Uebun- 
gen oder französischer und englischer Stylistik ermüdet hat. Das ge- 
ringe Interesse an wirklicher Kunst in den vornehmen Ständen beruht 
wesentlich auf dem unmetbodisch geleiteten Zeichenunterricht und die 
Verwilderung des Geschmackes in den weiblichen Handarbeiten eben dar- 
auf, dass der Zeichenunterricht in bunter Reihe Vorlagen von Blumen
	        

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