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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe IX (1874 / 101)

sind sie gewöhnt nur durch das Wort zu lernen und entwöhnt die Augen 
zu brauchenw, . 
Ganz um dieselbe Zeit, als von der Philosophie aus die ersten Ver- 
suche einer Theorie, des Schönen in Vorträgen der Aesthetik gemacht 
wurden, fesselte ein junger Professor der Geschichte und Poetik zu Leip- 
zig, Johann Friedrich Christ (1- 1756), welcher als Reisebegleiter eines 
Grafen Bünau eine reiche Anschauung sich erworben, selbst technische 
Fertigkeit im Kupferstechen besass, eine Reihe begabter Zuhörer durch 
Vorträge: de re liternria, die er mit bildlichen Darstellungen und Vorzei- 
gen von Gegenständen seiner Sammlung unterstützte. Unter dem wunder- 
lichen Titel der Literatur oder Archäologie der Literatur bargen 
sich die Anfänge einer Archäologie der Kunst, weine sattsame Erkenntniss 
dessen-i, so definirt er sie, wworaus etwas der Wissenschaft dienliches er- 
kannt werden kannn, also eigentlich eine Quellenkunde für alles geschicht- 
liche Wissen. lnschriftenkunde, Miinzkunde, Diplomatik, Druckgesqhichte, 
Kupferstich gehören da so gut hinein, als die Kunst des Alterthums. 
Christ's Schüler, Chr. Guttl. Heyne, hat das Verdienst, auf der neu 
gegründeten Universität Göttingen diese Vorlesungen über Literatur zu 
einer Archäologie der Kunst umgebildet zu haben, unter dem gewaltigen 
Einfluss der Werke Winckelrnann's, desjenigen Mannes, welcher aller- 
dings weit ab von deutschen Universitäten, ein bitterer Gegner der gelehr- 
ten Zunft, auf italienischem Boden die bis dahin nur immer dunkel er- 
kannte Aufgabe einer Geschichte der Kunst des Alterthums aussprach, 
und zugleichi 1764 bewunderungswürdig löste. Heyne7s Einleitung in das 
Studium der Antike 1772 war fortan das Programm für das akademische 
Ziel solcher Vorträge. Hunderte von jungen Männern der besten Stände 
haben zu Heyne's F üssen gesessen, sind durch ihn angeregt nach dem 
Süden gepilgert, um dort die volle Anschauung von der geahnten Schön- 
heit zu gewinnen. 
Armselig war es ja in Deutschland, zumal auf den Universitäten, um 
eine solche Anschauung bestellt. Man glaubte schon viel gethan zu haben 
wenn etwa die Bildung einer kleinen Münzsammlung oder einiger Reihen 
von Abgüssen, geschnittener Steine in zierlichen Schränkchen, höchstens 
einige Abgüsse antiker Köpfe vergünstigt wurden. Fünfzig ja sechzig 
Jahre, seitdem eine Archäologie der Kunst gelesen wurde, vergingen, bis 
die ersten akademischen archäologischen Sammlungen unter wissenschaft- 
licher Leitung und mit bestimmter materieller Unterlage gegründet wurden. 
Die neue Universität Bonn ist darin den älteren Schwestern rühm- 
lich vorangegangen. Hier in Heidelberg, wo ein hochberühmter Mann 
nahezu fünfzig Jahre über Kunst des Alterthums las und durch seine kleine 
Privatsamrnlung erläuterte, sind es erst 25 Jahre, seitdem die ersten An- 
schaifungen dafür geschahen, sind es kaum 4 Jahre, seitdem das archäo- 
logische Institut aus einem in der Bibliothek nur geduldeten zu einer 
räumlich selbstständigen Sammlung geworden ist. Noch heute mögen 
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