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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe IX (1874 / 105)

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ohne dass gleichzeitig andere Muskelgruppen sctiv oder passiv eine Ver- 
änderung der Form erleiden. Wenn zwar die unmittelbar unter der Haut 
gelegenen Muskeln ihre Form an der Oberfläche deutlich ausprägen, so 
bleibt doch auch die Action tiefer gelegener Gruppen nicht ohne Einfluss 
auf die nächstan- und darüberliegenden Gebilde. Das Messer des Ana- 
tomen, der in dem Bestreben, sich die beobachteten Erscheinungen zu er- 
klären, seine Beobachtungen in ein System zu bringen sucht, kann wohl 
an der Leiche Muskel von Muskel trennen, am lebenden menschlichen 
Körper stehen alle diese formverändernden Theile mit einander in innigem 
untrennbaren Wechselverhältniss. 
Ueber Muskeln und Knochen breitet sich die Decke der Haut; zwi- 
schen ihr und den unterliegenden Theilen findet sich eine dickere oder 
dünnere Schichte Fett - nicht an allen Körperregionen gleichmässig; wie 
auch die Haut auf ihren verschiedenen Unterlagen, Muskeln oder Sehnen 
oder Knochen, verschieden befestigt ist. 
Wie jene Theile der Haut, welche unmittelbar oder nur durch eine 
Fettschicht getrennt auf den Knochen aufliegen, zu relativ festen Punkten 
werden, wie sie durch das lebhafte Spiel der ringsum liegenden Muskeln 
bei verschiedenen Actionen in verschiedener Weise begrenzt überschnitten, 
verkleinert oder vergrössert werden; wie sich an den einzelnen Muskeln 
die unveränderliche Sehne von der veränderlichen contractilen Masse ab- 
grenzt - im Allgemeinen, wie sich an jeder Stelle der Oberfläche die 
Natur der darunterliegenden Theile in verschiedener Weise äussert, ist für 
den Künstler Gegenstand eines eingehenden Studiums. 
Es würde mich zu weit führen, wenn ich noch entwickeln sollte, wie 
vielfache Beziehungen zum künstlerischen Schaffen sich weiter aus der 
anatomischen Betrachtung anderer Organsysteme des menschlichen Kör- 
pers, z. B. des Gefühlsysterns oder der Sinnesorgane, ergeben. Die ana- 
tomischen Details, die ich über das Knochen- und Muskelsystem vorge- 
bracht, dürften wohl schon im Sünde sein, Ihnen ein Bild davon zu geben, 
wie unter allen Theilen des belebten menschlichen Körpers eine innige 
fortwährende Wechselwirkung herrscht, wie, so lange das Leben währt, 
iedes der einzelnen Elemente, eins durch das andere bedingt, eins auf das 
andere einwirkend, von allen übrigen und deren ungestörter Existenz ab- 
hängig ist. Dies ist der Standpunkt, auf den sich der Künstler beim 
Studium der Anatomie stellen soll - sie hat ihm nicht eine Zerlegung 
und Aufzählung der einzelnen todten Theile der Maschine zu geben, son- 
dern alle Organe in ihrem belebten Zusammenhang, in ihren Lebensllusse- 
rungen darzustellen. 
Manchem meiner Zuhörer dürfte die Frage nahe liegen, ob denn 
nicht durch ein gründliches Studium des lebenden Modells die Anatomie 
dem Künstler entbehrlich werden könnte! 
(Schluss folgt.)
	        

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