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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe VI (1871 / 67)

Grödner Schnilzern das Verlangen nach höherer künstlerischer Ausbildung bemerkbar. 
Es waren die Brüder Martin und Dominik Vinazer, nebst dem Urheber der Grödner In. 
dustrie deren, bedeutendste Vertreter, welche das allgemeine Interesse der Thulhewohner- 
schuft, die erste Begeisterung nutzen wollten, um mit der technischen Geschicklichkeit 
ihrer Genossen auch künstlerischen Sinn und Styl in Verbindung zu setzen. Mit rechter, 
ehrlichster Gründlichkeit fingen sie bei sich selber an und zogen nach Venedig, um es 
al-i geschickte Künstler zu verlassen, die Basreliefs in Silber anzufertigen verstanden. 
Noch immer dachte man an keinen grösseren Absatz der Wnurs, bis oberbairiscbe 
lliindler und Agenten stets häufiger das stille, vordem in der Welt verschollene Thal be- 
suchten und die fertige, vorrättbige Arbeit nach Möglichkeit aufkanften, auch eämmtliehe 
weitere tVaare für sich bestellten. D! ging den guten Grödnern ein Licht auf; die Sorge 
der ausländischen Genossen im Fache zeigte ihnen den Werth der eigenen Production; 
sie liessen es bald fein bleiben Fnbriksarbeiter der Baiern zu sein und folgten ganz jenem 
kühnen abenteuerlich nnternehmenden Sinn aller Tiroler, die, ihre Suche auf nichts 
gestellt, sorglos in alle Länder mit dem geringen Kram der Heimat hinauspilgern. Und 
diesmal war's zum Heile. Die Grödner Spielwaren haben sich rasch Geltung in der ge- 
sammten lxinderwelt errungen, der kosmopolitische Charakter dieser Kunst mit ihren 
stereotypen Hähnen, wie Stenh launig bemerkt, den typischen „Herrgotten" bis zu den 
Nnssknske. u und deren nnnennllaren Schlitze spendenden Collegen eroberte sich den Welt- 
markt, so dass in den letzten Decennien des vorigen Jahrhunderts mehr als 150 Nieder- 
lagen in allen grössern Städten Europsfs und nicht minder solche jenseits des Ocenns 
etablirt waren; Handlungen, deren Chefs lauter Söhne des Tbales, nach einer Art Stamm- 
gesetz nur mit Grödnerinnen vermählt waren und wieder nur Landsleute als Gummis und 
Geschäftsträger anstellten. Die Brüder Perratoner hatten Magazine in Florenz, Neapel und 
Palermo, die Brüder Jnsam in Venedig und Messina, Bernhard Pitschieler in Rom, aussor- 
dem gab es noch Grödner in Triest, Pavia, Ancons nnd Perugia, deren Namen ich nicht 
unzuüihren weise. Madrid versah Joseph Mauroner, Barcellona und Cadix die genannten 
Jnsinn, Lissabon die Gebrüder Velponer mit der Schnitzerei des Heimatthaies, auch 
Detltsr-hlarrd, Frankreich, die Niederlande und Russland waren ihnen nicht zu fern, ja 
Peter Velponer gründete sich in Mexicn, Joseph Meingutscher in Philadelpbia einen Herd. 
Am liebsten wählten sie Italien, die Provence und Spanien zum Erntefeld, denn dort 
kamen sie mit ihrem romanischen Dialekt am besten fort, wie schon ihr Landsmann, 
der Ritterdichrer Oswald von Wolkenstein im 15. Jahrhundert erfuhr, der bis Portugal mit 
dem „Krauhvelsch' des Grödner Thnls sich durchschlug. 
Im Jahre 1807 zählte man 800 Leute im Thale, welche als eigentliche Schnitzer 
rtrr irt Wählt. nusser ihnen hatten aber Weib und Kind dieJiände voll zu thun. Von 
Zeit zu Zeit kehrte ein reichgewordener Landsmann aus Spanien oder Frankreich heim, 
kaufte ein schönes Anwesen und nahm ein Mädchen des Thales zur Frau, - zur neuen Au- 
eiferung der übrigen, welche ferner der Ruf anderer Genossen nicht weniger spornte, die im 
Gebiete der eigentlichen Kunst sich ausgezeichnet hatten. Solche waren 3 Nachkommen der 
genannten Vinarer: Joseph der jüngere, der in Wien um D78] als Miinzgraveur blühte, 
Christian am 2. Decemher 1782 daselbst als Medaillenr, und Joseph der ältere 1804 als 
Bildhauer in Spanien gestorben. Zu Anfang unseres Jahrhunderts schickte man nllwöchent- 
lich 5 Kisten mit Schnitzwaaren im Werthe von je 130 d. ab, was jährlich 39.000, mit 
dem Erlös der Hausirer aber 44.000 d. Einkünfte ausmachte. Heute ist. es freilich anders. 
Die Kiefern auf den Thalbergen sind in Folge gedankenloser Ausbeutung fast aus- 
gerottet; der RohstotI, den vordem der nächste Wald ober den Häusern bog muss dem- 
nach aus nachbarlichen Thlilern, Ennaberg oder Villrösserthal um gutes Geld gekauft 
werden oder man behilü sich mit dem spröder-n Fichtenholz, das übrigens nicht einmal 
Rir alle Arbeiten brauchbar ist. Die allgemeinen Handels, Verlrehrs- und Geldverhältnisse 
haben auch dem fröhlichen Wandern der Grödner ein Ende gemacht und es kehrt uns 
keiner mehr nach abenteuerlichen Fahrten als vielerfahrner Grödner Ulysses heim, dagegen 
machte sich ein echt modernes, nüchternen System von Verlegern und Fabricirenden 
breit, das einerseits den Löwenantheil des Gewinnes den ersteren allein sichert, anderer- 
seits das bisher Frische, Naive, Künstlerische und Charakteristische an dieser Prodnction, 
das vorhanden gewesen, gänzlich in geistlos mechanischen Fabriksfrohndienst verwandelte. 
Die Ornamentik ist in srarrer Unfruchtbarkeit ein und dieselbe bis zur Stunde geblieben, 
wie Johann de Mez und Gebrüder Vinazer sie cultivirten, das wüste Ornament des I8. 
Jahrhunderts; die Krippchen und Spielzengpnppen können mehr nur als Handelsw, denn 
als Kunstgegenstand gelten, und abgesehen von diesem, reducirt sich die gestimmte Stoß"- 
welt der Griidner Plastik noch auf unerquickliche Porträts historischer Grössen: Napo- 
leon etc. Ferner werden klafterhohe Heiligenstatnen für Barockaltäre und ganz in deren 
Geschmack geschnitzt, bemalt und vergoldet. Nichts ist demnach klarer als dass eine 
zur Stunde noch in einem ganzen Völkchcn von mehreren tausend Seelen lebendige Kunst-
	        

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