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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe VI (1871 / 67)

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die es empfängt, und die Fundamente,'die es vortindet, um darauf weiter 
zu bauen, daher denn etwa den Fidschinsulanern auch ein Phydias oder 
Myron nicht zu einer selbstständigen Kunst verhelfen könnte, weil jene 
eben die zahlreichen Stufen zu der Höhe, in der ein solcher zu wirken 
vermag, nicht erklommen haben. 
Der NVerth der hier _in Rede stehenden Ccllection von Thonwaaren 
liegt nun darin, dass wir in Folge der schon angedeuteten Momente in 
ihr Repräsentanten einer Kunstweise und einer Kunstrichtung haben, die 
auf anderen Gebieten bereits längst durch nachfolgende Entwickelnngen 
alterirt ist. Die Geiiisse sind zumeist Behälter für Wein, Wasser oder 
Oel, ferner noch Lampen und Utensilien wie Salztiisser und drgl. Be- 
trachten wir sie vorerst in Bezug auf ihre Form, so treten sie uns ganz 
und gar nicht wie moderne Erzeugnisse entgegen, viele sind vollständig 
im Sinne der Renaissance gebildet, in andern herrschen die Elemente 
antiker Weise vor - oder um dies mit einem alles zusammenfassenden 
Worte zu sagen: _ sie sind ehen italienisch. So wie die vergleichende 
Sprachforschung keinen principiellen Unterschied kennt zwischen Lateinisch 
und dem modernen Italienisch, weil der Grundstock beider identisch und 
Italienisch nur das heutige Latein ist, so zeigen sich auch - wenn eine 
Anwendung dieses technischen Wortes aus einer andern Wissenschafts- 
sphäre hier gestattet ist - die llvurzelforinen der Kunst stets als die- 
selben und uuwandclbar. Sie sind in ihrer Erscheinung bestimmt durch 
das liedlirfni ss und das nicht weiterhin deiinirbare Element des Volks- 
charakters; es gilt nur bis an diese Wurzeln zu gelangen, um von da 
aus vielleicht so manches kunstgcschichtlichc Ereigniss von einer ganz 
neuen und überraschenden Seite aus auffassen zu können; so das Auf'- 
treten der Renaissance in Italien, das Verhältniss der Gothik zu diesem 
Lande etc. Es wäre nicht das erste Mal in der Geschichte der Wissen- 
schaft, dass die Beachtung bis dahin ziemlich bedeutungslos gehaltener 
Dinge zu neuen Aufschlüssen geiührt hiitte, und wenn ich nun diese auch 
nicht gerade unmittelbar von unsern harmlosen Thcngcschirren erwarte, 
so werden mir doch manche meiner Leser zustimmen, wenn ich in der 
Kunstforschung eine grössere Rücksichtnahme auf die handwerklichen Künste 
-- gewissermassen die Volksliteratur der Kunst- für wiinschenswerth halte. 
Doch zu unsern Majoliken zu gelangen, müssen wir dieselben, da 
wir ihre Bestimmung erwähnt haben, nun auch ihrem Ansehen nach 
kennzeichnen. Sie scheiden sich ziemlich strenge nach den Localitätcn, 
denen sie entstammen, obwohl ein gemeinsamer Grundzug ihrer Formen- 
gebung sich klar kund gibt. Die Gegenden, die in der im Museum jetzt 
aufgestellten Sammlung vertreten erscheinen, sind Toscana, Apulien, die 
Abruzzen, das Innere von Sicilien und das Städtchen Ariano bei Benc- 
vent, letzteres der Sitz einer alten Thonwaarenindustrie, die den Bedarf 
der umliegenden Landschaft versorgt. 
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