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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe VIII (1873 / 98)

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Erster kunstwiaaonschahiichor Oongrosa in Vllon, 
1. bis 4. September 1873. 
(Fortsetzung) 
Auf der Tagesordnung steht der Programmpunkt ll. Zur demelben 
erhält das Wort ' 
Herr Custos Fr. Lippmann aus Wien als Referent: 
Meine Herren! lch erlaube mir lhre Aufmerksamkeit für einen Moment 
in Anspruch zu nehmen, um sie auf das Thema. der Bilderconservirung, resp. 
Restaurirung zu lenken. Es geschieht dies hauptsächlich in der Absicht, 
weil ich es im höchsten Grade für wichtig und wünschenswerth halte,- dass 
gerade der kunstwissenschaftliche Congress, der hier versammelt ist„ seine 
Stimme in dieser Angelegenheit erhebt. Die Bedeutung der Fragedel." Restau- 
rirung, oder wie ich immer lieber hören möchte, der Conservirung der Ge- 
mälde ist wohl Allen klar, aber diese Frage gelangt zu einer, ich_._m_öchte 
sagen, beinahe erschreckenden Wichtigkeit, wenn wir uns immer vor Augen 
halten, dass die Werke der alten Kunst in ihrer Gesammtheit ein lnventar bil- 
den, in welchem keine Macht der Erde mehr ein einmal verlorenes Stück zu 
ersetzen vermag. Durch die nimmer ruhende Wirksamkeit chemischer und 
physikalischer Processe wird dieses Inventar fortwährend geschädigt und gar 
oft noch durch Elementarereignisse um seine besten Schätze beraubt; ich er- 
innere nur an die Brände von Strassburg und S. Giovanni e Paolo in Venedig. 
Aber mehr noch als alles dies hat seit jeher die Thorheit und der Un- 
verstand der Menschen die Kunstwerke zu Grunde gerichtet. Wären dieBilder, 
soweit sie nicht überhaupt verrfichtet worden sind, wenigstens sich selbst liber- 
lassen geblieben, so könnten wir wohl an den meisten von ihnen als an wirk- 
lichen, wenn auch beschädigten originalen Werken uns erfreuen -' im vorigen 
Jahrhundert hat man sie, wie man es nannte, formirt und gestimmt, später 
wurde man liebevoller und hat sie blus noch geputzt und restaurirt. 
Und wieviel von diesem Restauriren der Bilder, das gar oft einem wahr- 
haften Renoviren gleichkam, geschah nicht auch in einer Zeit, die der alten 
Kunst schon ein erhöhtes Verständniss entglgenbrachte, und wie viel geschieht 
nicht noch täglich, ja unter unsern Augen! 
Denn wer sind die Restauratoren? Mit wenigen, selbstverständlichen 
Ausnahmen, zumeist Maler, die ihren eigentlichen Beruf verfehlt haben, die 
das Restauriren von irgend einem andern dunkeln Ehrenmanne als eine Art 
geheimer Chymie lernen, und denen man dann, ohne viel zu fragen, die grössten 
Perlen des Alterthumes auf Tod und Leben anvertraut. Mir selbst hat ein- 
mal ein derartiger Mann gesagt: "Wissen Sie, bei mir ist es so, entweder 
das Bild kann noch gut werden, dann kriegen Sie es brillant zurück, oder es 
ist Nichts damit zu machen, dann wird es hin und Sie kriegen die blosse 
Leinwand oder das Brett." Und ich kann Sie versichern, der Mann lebt noch 
und hat stets genug zu thun. 
Wenn das auch vielleicht ein ganz drastischer Fall ist, so reden viele Andere nur 
vorsichtiger, machen aber eigentlich dasselbe, und wenn das Bild unter ihren 
Händen „hin" wird, so malen sie es eben neu. Jeder von uns kamt aus 
eigener Erfahrung wohl Fälle, wo Bilder, die sich vorher noch in leidlichem 
Zustande befanden, durch Restaurirung ihre Originalität vollständig verloren 
haben. Ereignet sich das zufällig in einer grossen Galerie, so hört man wohl 
ab und zu davon reden, so von dem famosen Andrea del Sarto der Berliner
	        

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