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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe IX (1874 / 107)

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Theil scheint es nur so, weil uns der Gebrauch dieser Dinge abhanden 
gekommen und ihre Anwendung unverständlich ist. 
In Wahrheit lernen wir die Bedeutung und den Werth dieser alten 
Möbel erst recht verstehen, wenn wir sie nicht in der Vereinzelung, wie 
auf der Ausstellung, sondern in der richtigen Zusammenstellung, im En- 
semble des ganzen Zimmers mit dem entsprechenden Hintergrunde be- 
trachten können. Davon vermochte unsere Ausstellung, wie es in ihrer 
Natur liegt, allerdings nur Andeutungen zu geben. 
Dennoch finden wir auch hiefür ein kleines Auskunftsmittel, das 
unserer Phantasie zu Hilfe kommt, in der Ausstellung von Bilderwerken, 
Holzschnitten und Kupferstichen, welche aus dem Kupferstichcabinet des 
Museums den Originalmöbeln zur Ergänzung dient. Verschiedene Interieurs 
reicherer und einfacherer Zimmer vom Anfang des 16. Jahrhunderts an 
geben uns die Zusammenstellung und lehren uns den Gebrauch verschie- 
dener Dinge. Auf den reizenden Stichen von Abraham de Bosse sehen 
wir selbst die Dame bei der Toilette vor dem Spiegel sitzen, wir sehen 
auf einem anderen Blatte eine feine Gesellschaft die reich besetzte Tafel 
umgeben. Mit der Einrichtung des Bettes und des Schlafzimmers, dem 
Waschapparat und ähnlichen Dingen aus verschiedenen Zeiten werden wir 
vollkommen vertraut. Zudem geben uns zahlreiche Möbelzeichnungen, die 
wir von den Kleinmeistern des deutschen Kupferstichs an bis auf die 
steifen Zeiten des Empire und der gräcisirenden buntfarbigen Sessel Schin- 
kel's, selbst bis zur modernen französischen Ebenisterei verfolgen können, 
Varianten aller Art und Richtung, so dass wir an ihnen einen vollen 
Cursus der modernen Möbelgeschichte bildlich durchmachen können. 
Auch das Absonderliche, wie es unsere heutige Mode liebt, findet 
seine Stätte dabei, so z. B. ein vortreffliches Seitenstück zu unserem heu- 
tigen Rauch- und Reitsessel in einem ubidet avec necessaire-l oder vbide! 
avec toilelteu, ein Sessel, der in seinen Rücklehnen einen Schrank mit allen 
Utensilien der Toilette birgt und auf der Lehne selbst einen Tisch 
trägt, damit die Kammerfrau oder der Friseur alles ,Nöthige bei der Toi- 
lette sogleich zur Hand hat. Damit unsere Damen den Herren gegenüber 
nicht zu kurz kommen und auch etwas Apartes haben, empfehlen wir 
dieses Stück den Herren Tapezierern, die damit etwas "ganz Neues-w auf 
den Markt werfen würden. Ohnehin lieben sie ja die Zusammenstellung 
der heterogensten Dinge, z. B. des Stiefelknechts und des Kleiderhakens, 
an einem und demselben Stück, wie weiland der berühmte Wiener Maler 
Wehmliller - ich weiss nicht, ob das biographische Lexicon ihn kennt 
- der auf ungarische Nationalgesichter reiste, einen Malstock mit sich 
führte, der zu sechszehn verschiedenen Dingen diente, erstens zu sich 
selber, d. h. zu einem Malstock, sodann zum Spazierstock, zum Sonnen- 
und Regenschirm, zum Feldsessel und unter anderem auch zum Futteral, 
um die Nationalporträts zu halten, die der Künstler in Wien fertig malte 
und in Ungarn zur Auswahl feilbot.
	        

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