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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe IX (1874 / 108)

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Provinzen des deutschen Reiches einzubürgern suchten. So scheint es 
ferner keinem Zweifel zu unterliegen, dass schon irn XVI. Jahrhundert, 
namentlich im sächsischen und böhmischen Erzgebirge durch flandrische 
Spitzenklöpplerinnen die ersten Anfänge einer Industrie begründet worden 
sind, die im folgenden Jahrhundert für die ebengedachten armen Gebirgs- 
gegenden eine Quelle von andauerndern Wohlstand geworden ist. Gleich- 
wie jedoch der Thatkraft Colberfs, dem Vorhergesagten zufolge, die Be- 
gründung und der Flor der Spitzenindustrie in Alengon und in den übrigen 
lndustriestädten Frankreichs zu verdanken ist, so gebührt der reichen 
unternehmenden Bürgersfrau Barbara Utmann das unbestrittene Verdienst, 
dass sie in der letzten Hälfte des XVI. Jahrhunderts die Spitzenindustrie 
im sächsischen Erzgebirge, wenn auch nicht begründet, doch zu hoher 
Blüthe gebracht hat. Barbara Utmann stammte aus einer bürgerlichen 
Familie aus Nürnberg, mit Namen Etterlein und heiratete einen reichen 
Grubenbesitzer des Erzgebirges. Die Localtradition berichtet, dass Frau 
Barbara von einer protestantischen Flamänderin, welche in den religiösen 
Streitigkeiten unter Herzog Alba ihr Vaterland verliess; die Kunst der 
Spitzenmacherei auf dem Kissen erlernt habe. Im Jahre K56! liess die- 
selbe aus Flandern eine Anzahl Spitzenklöpplerinnen nach Annaberg kom- 
men und gründete unter Beihilfe derselben daselbst, vorerst irn kleineren 
Umfange, eine Spitzenschule, welche es sich zur Aufgabe stellte, die ver- 
schiedenen Spitzen anzufertigen, wie sie damals in Flandern von der Mode 
gesucht wurden. 
Nicht lange Jahre dauerte es und die unternehrnende Frau, die be- 
reits um das Jahr r575 starb, hatte die Freude, wahrzunehmen, dass im 
ganzen Erzgebirge und der bairischen Grenze entlang die von ihr ge- 
gründete lndustrie allenthalben festen Fuss gefasst hatte. Bereits im 
XVll. Jahrhundert sollen im sächsischen Erzgebirge 30.000 Personen sich 
mit Anfertigung von Spitzen befasst haben, wodurch mehr als r Million 
Thaler jährlich diesen von der Natur wenig begünstigten Gebirgsgegenden 
zufioss. Heute noch ehrt das Städtchen Annaberg im sächsischen Erz- 
gebirge dankbar das Andenken der hochherzigen Begründerin der säch- 
sischen Spitzenindustrie. Ueber ihrem Grabe auf dem dortigen Kirchhof 
erhebt sich ein Monument im griechischen Style, das folgende Inschrift 
trägt! "Hier ruht Barbara Utmann, gestorben den 15. Januar 1575. Die- 
selbe gründete die Spitzenindustrie im Erzgebirge und wurde auf diese 
Weise die Wohlthäterin der Gebirgsbewohner." Gegen Schluss des XVI. 
Jahrhunderts scheint auch eine einträgliche Spitzenindustrie in und um 
Dresden grössere Fortschritte gemacht zu haben. Es werden nämlich um 
diese Zeit in französischen lnventaires und Comptes solche sächsische 
Spitzen unter dem Namen treilli{ noir d'Allemagne namhaft gemacht. 
Unter den Schriftstellern, die von der blühenden sächsischen Spitzen- 
industrie sprechen, sind besonders Anderson und Savary hervorzuheben. 
Die besseren Sorten von sächsischen Spitzen, besonders jene, die mit der
	        

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