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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe IX (1874 / 108)

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Nadel hergestellt wurden, hatten im XVII. und XVIII. Jahrhundert einen 
solchen Ruf, dass sogar die Spitzenmacherinnen von England, Schottland 
und Irland sich durch diese Erfolge angeeifert sahen, die sächsischen 
Spitzen in ihren Dessins und in ihrer Technik nachzuahmen und so für 
billigem Preis auf den Weltmarkt zu bringen. In den beiden letzten 
Jahrhunderten hatte fast in den meisten kleineren Städten und Dörfern 
des sächsischen Erzgebirges die Spitzenklöppelei festen Fuss gefasst und 
wurde, was heute auffallend erscheinen möchte, dieselbe meistens von 
Knaben und jungen Leuten, namentlich zur Winterszeit, wenn der wenig 
ergiebige Feldbau ruhte, Heissig betrieben. Die Schriftsteller der dama- 
ligen Zeit machen als eine Eigenthümlichkeit bei den sächsischen Spitzen 
darauf aufmerksam, dass man genau habe unterscheiden können, ob die 
Spitzenklöppelei von männlichen oder weiblichen Händen angefertigt wor- 
den sei. Im ersteren Falle wohne diesen dentelles de Saxe eine grössere 
Solidität bei, wohingegen im zweiten Falle eine delicatere und feinere 
technische Ausführung zu ersehen sei. Aber nicht nur im sächsischen 
und böhmischen Erzgebirge und an der bairischen Grenze entlang wurde 
die Spitzenfabrication, wie eben angedeutet, mit Schwung betrieben, son- 
dern auch im nördlichen Deutschland liessen, nachdem in Folge des 
Edicts von Nantes zahlreiche französische Industrielle aus Alencon und 
aus anderen Districten der Spitzenfabrication sich genöthigt sahen, den 
heimathlichen Boden zu verlassen, namentlich in Hamburg, Berlin, Han- 
nover, Leipzig, Anspach, Elberfeld sich diese in grosser Zahl nieder, 
denen es durch Fleiss und Umsicht in wenigen Jahren bei dem massen- 
haften Verbrauch von Spitzen in damaliger Zeit gelang, auf deutschem 
Boden die Spitzenindustrie ergiebig zu machen und zur hohen Blüthe zu 
bringen. Diese französischen Flüchtlinge, welche namentlich von dem 
wgrossen Churfürstena als Künstler geehrt und mit besonderen Freiheiten 
ausgestattet, in den alten preussischen Provinzen Aufnahme fanden, 
brachten in kurzer Zeit ansehnliche Reichthümer zusammen und gelang 
es denselben, den Export von Spitzen nach Russland, Polen und den 
Skandinavischen Reichen von Norddeutschland aus auszudehnen. Diese 
Spitzenmanufacturen im nördlichen Deutschland, gegründet von französi- 
schen Auswanderern, ahmten mit besonderer Vorliebe jene mit der Nadel 
gearbeiteten und auf dem Kissen geklöppelten Spitzen nach, wie sie in 
Frankreich hinsichtlich der Dessins Mode waren und wie sie besonders 
von den Industriellen in Brüssel und Mecheln angefertigt zu werden 
pflegten. Wie gross die Vorliebe für Spitzen war und wie eine krank- 
hafte Sucht bis zur Mitte des XVIII. Jahrhunderts in den höheren Ständen 
Deutschlands vorherrschte, die Profankleider mit allem möglichen Spitzen- 
werk zu garniren, lässt sich nicht nur entnehmen aus den vielen in der 
ersten Hälfte des XVIII. Jahrhunderts gemalten Portraits, deren Oberge- 
wänder mit einer Fluth von allen möglichen Spitzentouren überdeckt sind, 
sondern auch aus den interessanten Briefen des anglikanischen Bischofs
	        

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