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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe IX (1874 / 108)

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in Weisszeug, wie in Seide anzufertigen. Diese Vorliebe für Anfertigung 
von kunstreich mit der Nadel durchbrochenen Arbeiten zur Garnirung 
kirchlicher Gebrauchsgegenstände und zur Ausstattung der Gemächer, 
welche an fürstlichen Höfen und auf den Schlössern des hohen Adels 
namentlich im XVI. und XVII. Jahrhundert eine sehr grosse Ausdehnung 
gefunden hatte, erhielt sich noch bis zum Schlusse des XVII. Jahrhunderts. 
Was in dieser Beziehung Spanien betrifft, so schreibt noch gegen 1679 
eine Dame, dass es fortwährend in den hohen Familien Madrids Gebrauch 
sei, die T öchter der Aristokratie vornehmen Matronen zur Ausbildung zu 
übergeben, wo sie angehalten würden, die Borden und Säume der Hemden 
in verschiedener Weise mit der Nadel zu verzieren. Was Frankreich be- 
trifft, so artete seit der Regierung des prachtliebenden vierzehnten Ludwigs 
die Vorliebe und die Anwendung von kostbaren Spitzen fast zur Manie 
aus. Die theuersten, meist ausländischen Spitzen garnirten nicht nur die 
Bekleidungsgegenstände des hohen und niedern Adels, sondern man wandte 
sie auch in Hülle und Fülle an zur Ausstattung der Bettdecken, des Bett- 
leinens, ja selbst zur Ausstattung der Wagen und der Pferde. Dazu kam 
noch, dass die Spitzen selbst, theils mit der Nadel auf Pergarnent (la 
car-tisane) gewirkt, theils auf dem Kissen (au fuseau, au coussin) geklöp- 
pelt, sich äusserst verfeinert und vervollkommnet hatten. Bereits um die 
Mitte des XVII. Jahrhunderts werden in den vielen, heute noch erhaltenen 
französischen inuentaires und comptes verschiedene Sticharten namhaft 
gemacht. In denselben kommen vor: der point de Venise, point de Gänes, 
paint de Raguse, point de Bruxelles, point de Malines, point de Valen- 
ciennes, ferner der point double, auch point de Paris genannt, point d'Au- 
rillac etc. Um diese Zeit erschienen auch schon verschiedene feststehende 
Benennungen für einzelne Arten und Gattungen von Spitzen; die eine 
Abart nannte man gurjmre") , die sowohl in Leinen, als auch in Seiden- 
und Goldfäden auf der cartisane von Pergament in frühester Zeit mit der 
Nadel angefertigt wurde. Später wurden die {landrischen guipures, zu 
welchen auch die Litzenspitzen theilweise zu rechnen sind, auf dem Kissen 
(au fuseau, pillow) geklöppelt. Eine andere Sorte für gewöhnlichen Ge- 
brauch nannte man Ia biseire; dieselbe wurde von Landleuten zumeist in 
den Dörfern um Paris auf dem Kissen geklöppelr. Eine fernere Abart von 
Spitzen führte den Namen la gueuse. Dieselbe gehörte ebenfalls wie die 
vorher benannte zu den einfacheren Mittelsorten. Der Fond derselben au 
räseau geklöppelt in groben Leinfäden war zugleich mit dem Blumenwerk 
hergestellt. Wiederum eine andere Gattung, la campane, welche au fuseau 
') Eine heute generelle Bezeichnung für die verschiedensten Sorten von Spitzen. 
Es dürfte nichstens an der Zeit sein, dass von Sachkennern im Hinblick auf grdssere 
Spitzen-Sammlungen die Arten und Abarten der verschiedenen dentelles, je nach ihrer 
Technik und ihren Musterungen mit den älteren traditionellen Bezeichnungen und Benen- 
nungen wieder charakterisirt wurden, um der jetzt herrschenden Willkür in der Benennung 
ein Ziel zu setzen.
	        

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