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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe X (1875 / 123)

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bart. Aus dem Samenkorn war also unter der Hand seiner Pßeger eigentlich eine andere 
als die beabsichtigte Frucht herangereift, eine andere, aber wegen ihres allgemeinen Wer- 
thes desto schätzenswerthere, an welcher den Begründern und Förderern der österreichi- 
schen Centralcommission für Erforschung und Erhaltung der Baudenkmaie kein geringes 
Verdienst zukommt. 
Wilhelm llollmaiiifa Spitzdii-lluaterhueli. 
Nach der im Besitze des k. k. Oesterr. Museums befindlichen Originalausgabe vom J. 1607 
herausgegeben vom k. k. Oesterr. Museum für Kunst und Industrie. Mit eiiiemyorwort, 
Titelblatt und 18 Musterblattern. Wien, Verlag des k. k. Oesterr. Museums, 1876. qu. Fol. 
(Preis 1 B. 80 kr.) 
Das Musterbuch, welches soeben der Oclfentlichkeit übergeben wurde, bildet gleich 
sam eine Ergänzung zu den bereits früher vom k. k. Oesterr. Museum herausgegebenen 
Stick- und Spiizen-Musterbüchern'). Während iene Muster dem 16. Jahrhundert ange- 
hören, reprasentirt wDas Gantz new Modelbuch-i den im ersten Decennium des 17. Jahr- 
hunderts herrschenden Styl. 
Die Compositionen dieses Musterbuches gehören dem Formschneider Willi. Hoff- 
mann an. Die iIHllCDISCiICD, speciell venetianischen Anklänge haben wohl darin ihren 
Grund, dass der Künstler dieses Musterbuches sich früher Jahre lang mit dem Nachschnitte 
italienischer Spitzcnmuster, besonders der des Vecellio, Florimi u. A. beschäftigte, 
die er zu einem der reichhaltigsten Mudelbucher vereinigte und dessen erste Ausgabe man 
nicht kennt '). Dass diese Nachschnitte dem Verfertiger unserer Muster angehören, be- 
weisen die auf B]. 1 undS des im Besitze des Museums befindlichen Modelbuches, 
Frankfurt, liatomus 1607, vorkommenden Monogramme, für welche bisher jede Deutung 
fehlte, von welchem das letztere von M. Palliser reproducirt "i, jedoch unerklart gelassen 
wurde. Der Erfolg des früheren Musterbuches mag Hoffmann zur Herausgabe des 
vorliegenden angespornt haben. Es fallt in die Zeit, in welcher in der Costümgeschichte 
eine grosse Wandlung vor sich ging. Die Krause, bis dahin fast allein herrschend, liess 
sich mit der nun auftretenden langeren Haartracht nicht leicht vereinigen - sie musste 
dem Ueberschlagkragen Platz machen. lm yorliegenden Buche sehen wir nun den 
Künstler der neuen Mode entgegenkommen, indem er für die Bedürfnisse der Spitzen- 
Arbeiterinnen eine Reihe von solchen Ueberschlagkragen veröffentlicht. Auch die auf ein- 
zelnen Mustern vorkommenden Wappen sprechen für die deutsche Provenienz. Wir 
finden einen Kragen mit dem Wappen des Deutschen Reiches und der Kurfürsten (Kur. 
fürstenkrägen), einen andern mit einem aufsteigenden Löwen, streng nach den Gesetzen 
der deutschen Heraldik stylisirt, und wieder andere mit dem deutschen Reichsadler. Die 
venetianischen Anklänge in den reichen Blumenranken und in der Zeichnung der beiden 
Frauen auf dem Titelblatt: dürften in der bereits erwähnten langen Beschäftigung mit 
der Reproduction italienischer Originale ihre Erklärung finden. 
Für die Technik, in welcher sich der Künstler die Muster ausgeführt dachte, geben 
die auf dem Titel bei ihrer Arbeit abgebildeten Frauen den richtigsten Aufschluss. Die 
links ist damit beschäftigt, auf einem Klöppelkissen einen Netzgrund herzustellen, wäh- 
rend die rechts den auf einen Rahmen gespannten Grund mit der Nadel ausnaht. Die 
intelligente Arbeiterin wird sich jedoch nicht auf diese Technik ausschliesslich beschran- 
ken, sie wird im Gegentheile, da heute, Dank dem Aufschwunge, der auf, dem Gebiete 
der weiblichen Handarbeiten herrscht, die verschiedensten Verfahrungsweisen wiederum 
bekannt sind, ie nach Bedarf die eine oder die andere wahlen. Dachte ja schon der Her- 
ausgeber an eine mannigfaltige Verwerthung der Muster, indem er sein Buch auch für 
die Seidensticker, Sammtschneider und die mannigfaltigsten Zweige der Kunstindustrie 
herausgab. _ _ 
Das Original, Eigenthum des k. k. Oesterr. Museums, besteht aus dem Titel, einem 
leeren Blatte und 18 Blättern mit Mustern, bildet somit 10 Lagen. Es gehört zu den 
seltensten Modelbüchem und blieb selbst der Ms. B. Palliser unbekannt. Wie aus der 
Einbanddecke erhellt, gehörte das Exemplar dem Peter Vok von Rosenberg, für 
') Hans Sibmachcris Stick- und Spitzen-Musterbuch. Nach der Ausgabe vom 
Jahre 1597, herausgegeben vom k. k. Oesterr. Museum. Wien, x866. - Original- 
Stickmuster der Renaissance. Herausg. vom k. k. Oesterr. Museum. Wien, 1874. 
') Mrs. Bury Palliser, A history of Lace. 2"" edit. London, 1869. 8'. Pag. 423 
Nr, 9x beschreibt die Ausgabe vom Jahre 1605; das Museum besitzt die vom J. 1607. 
') l. c. pag. 424.
	        

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