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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XI (1876 / 126)

Heinrich v. Furatol lllisr Polychrotnlo in gutltllollen Klrohon. 
Bei Gelegenheit seines am xo. Februar im Museum gehaltenen Vortrages sprach 
sich der Architekt der Votivkirche und des Oesterr. Museums Heinrich v. Fers tel in fol- 
gender NVeise über Polychromie in gothischen Kirchen aus: ' 
"Das wichtigste Mittel, welches dem Architekten zur lnnendecoration gothischer 
Kirchen zu Gebote steht, ist die Farbe, und zwar der farbige Schmuck an Gewölben und 
Wandtiächen ebenso wie an den grossen Fensterütlhungen, oder die Polychromirung und 
Glasmalerei. Diese beiden Mittel bieten nicht nur in gleicher Weise die Möglichkeit, reli- 
giöse Gedanken zum Ausdrucke zu bringen, sondern sie sollen auch gleichmässig zur Er- 
zielung eines decorativen Gesammteffectes zusammenwirken. 
Nun aber begegnet man nicht selten der Ansicht, dass Wand- und Glasmalerei sich 
gegenseitig ausschliessen, dass nämlich Wandmalerei ungefarbtes Licht und Glasmalerei 
ungefärbte Wände voraussetze. Wenn nun aber die Wandmalerei gefärbtes Licht allerdings 
nicht fordert, so ist doch gewiss die Behauptung unrichtig, dass die Glasmalerei ungefärbte 
Wände bedinge. Schwieriger freilich ist die Frage über das Mass und über das richtige 
Verhältniss, in welchem beide Decorationsmittel anzuwenden seien. 
Wir sind heute zu sehr der Farbe entwohnt, welche zu allen Zeiten neben der 
Form in der Architektur einen hervorragenden Rang behauptete; unser Auge ist gegen 
die Reize und Anregungen, welche die Farbe gewährt, methodisch abgestumpft worden, 
so dass die Bedeutung der Polychromie noch nicht völlig erkannt ist und ihr die gebüh- 
rende Stellung erst wieder erobert werden muss; aber das eingehende Studium alter Bau- 
und Decorationsweise hat bereits zur Erkenntniss der Wichtigkeit des farbigen Schmuckes 
geführt und wird allmälig auch die Ueberzeugung von der Unentbehrlichkeit der Farbe 
zur Vollendung von lnnendecorationen wachrufen. 
Uralte Principien der Wanddecoration haben sich aus der verfallenden römischen 
auf die christliche Kunst übertragen, und darüber belehren uns am besten gerade die 
Werke der frühchristlichen Kunst, die Basiliken Roms, die Aja Sophia und die ravenna- 
tischen Bauten; es ist die Flachendecoration nach uralt asiatischer Sitte, bei welcher die 
spätromischen Kunstverfahren, die YVändebekleidung mit Marmormosailt (das sogenannte 
Opus nlexandrinum) und die Glasmosaikbekleidung vorzüglich Anwendung fanden. Obgleich 
nun der späteren Zeit des Mittelalters nicht mehr die eben bezeichneten Decorationsmittel 
zu Gebote standen, so waren doch die Tendenzen dieselben geblieben. Die Wände der 
romanischen Kirchen wurden zwar nur in wenigen Ausnahmen mit Marmorbekleidung und 
Mosaik, dafür aber meist mit Malerei geschmückt. 
Aber diese romanischen Kirchen mit ihren grossen, für Farbenzier berechneten Wand- 
fiachen hatten, wenn überhaupt Fensterverschlüsse angewendet wurden, farbige Fenster, 
und in ähnlicher Weise waren bereits in der Periode der frühchristlichen Kunst in den 
marmornen und alabasternen Gittern, welche die Fenster verschlossen hatten, kleine Glas- 
scheiben eingesetzt. Das Glas fertigte man aber damals nicht so durchsichtig wie heute, 
sondern mehr oder minder farbig, und in die ältesten verglasten Kirchen mit ihrem reichen 
Farbenschmucke drangen nicht weisse, sondern gefärbte Lichtstrahlen. Und so lässt sich 
wohl mit Recht behaupten, dass die Glasmalerei ihre Entstehung jedenfalls dem Mangel 
an Durchsichtigkeit des antiken und mittelalterlichen Glases verdankt. Wie aber die Kunst 
stets es verstand, aus der Notb eine Tugend zu machen, so bemühte man sich, weil man 
kein reines, weisses Glas hatte, in die Farhennuancen Ordnung und Gesetzmässigkeit zu 
bringen; der Mangel gebar eine neue Schönheit, und so entstand die Glasmosaik und 
herrschte noch in der spätesten Zeit des Mittelalters. 
Aus solchen Anfängen entwickelte sich jene kunstvolle Art des Kirchenschmuckes, 
welche man fälschlich Glasmalerei nennt, die aber in der That nur Glasmosaik war, und 
zwar fortschreitend in dem Masse, in dem das gothische Bausystem mehr und mehr die 
Wände verkleinerte; so wurden folgerichtig die immer grösser gewordenen Lichtöifnungen 
der Fenster jener Platz, auf welchem sich die Decoration vornehmlich entwickelte. 
XVenn nun berücksichtigt wird, wie unwandelbar die oben erwähnten Decorations- 
principien sich noch im Mittelalter erhalten haben und wie eigentlich nur eine Wandlung 
in den Materialien durchgemacht wurde, so wird man nimmer behaupten können, dass 
mit der grossartigen Entfaltung der decorativen Mittel in den gothischen Fenstern die 
sonstige Polychromie verdrängt worden sei. Es dürfte im Gegentheile die Ansicht nicht 
allzu gewagt sein, dass durch die energische Farbenwirltung, welche_der in das lnnere 
geführte gefärbte Lichtstrahl veranlasste, die Anforderungen an die Polychromie noch ge- 
steigert wurden. ln der That erkennt man an jenen gothischen Decorationen, wo sich 
Farbe erhalten hat, dass diese möglichst kräftig angewendet wurde. Ueberdies zeigt die 
Art dieser Polychromirung, dass wir hier nicht vereinzelte und schüchterne Versuche, 
sondern die vollständige Ausprägung von tief in der Kunstanschauung wurzelnden Prin- 
cipien vor uns haben.
	        

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