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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XII (1877 / 137)

t877 sind Anzeichen des Bemühens, die Ausstellungen wieder auf einen, ihrem eigent- 
lichen Zwecke förderlichercn Standpunkt zurückzuführen. 
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Am 23. November und 7. December sprach Reg.-Rath v. Neumann-Spallart 
über die KVirkungen der Krisis auf die Industrie. Wir hoffen noch ausführlicher 
auf diese Vorträge zurückkommen zu können. 
Am 14. December folgte Reg-Rath Exner mit einem Vortrage über die Korb- 
flcchterei. Vor Besprechung seines eigentlichen Thema's widmete er einige kVorte 
dem vom Oesterr. Museum erworbenen Reductions-Apparat für plastische Objecte, mittelst 
dessen man zu gleicher Zeit zwei bis drei Copien von plastischen Kunstwerken mit grösster 
Genauigkeit herstellen kann. Sodann auf die Korbflechterei übergehend, schilderte er an 
der Hand statistischer Daten die erfreulichen Consequenzen für Volkswohl und Volks- 
wirthschaft, mit welchen die bescheidene Weide, die dankbarste und doch am wenigsten 
beachtete unserer l-lolzarten, die liebevolle Aufmerksamkeit und Cultur lohnt, welche ihr 
in anderen Ländern, am Rhein und an der Havel, in Paris und Holland bereits zu Theil 
wird. Er charakterisirte hierauf die einzelnen Weidenarten und warf einen Blick auf die 
geringen Anforderungen, welche die rationelle Cultur derselben an den Landwirth und 
Forstmann stellt. Die anderen Rohproducte, welche der KVeidc helfend zur Seite treten 
müssen, damit sie der heutigen Concurrenz Stand halten könne, wurden eingehend be- 
sprochen: das Espartogras, das spanische Rohr, die Piaseva aus Brasilien und ganz neue- 
stens die Wurzeln der Weissfohre. Hieran schloss sich eine Auseinandersetzung der beiden 
Arten von Korbtiechterei, jener freien Uebung in Dorf und Haus und der vervollkomm- 
rieten über den Mode], wie sie in Bayern gebräuchlich ist; dieses Land ist übrigens auch 
das einzige, wo die Korbßechterei bereits fabriksntässig betrieben wird, und nicht weniger 
als 50.000 (Zentner Korbwaaren werden jährlich von dorther bei uns importirt. Dass 
diesem Uebelstande mit Erfolg zu steuern ist, bewies der Vortragende schlagend an den 
Resultaten, deren sich die beiden von der Regierun in der Nahe von Krakau vor nicht 
ganz zwei Jahren begründeten Schulen für Korbßecäterei bereits rühmen können. Wenn 
auf dem eingeschlagenen Wege richtig fortgefahren wird, so steht zu hoffen, dass von 
den 885.000 Joch unproductiven, {aber culturfahigen Bodens in Oesterreich durch ratio- 
nelle Weidencultur wieder ein guter Theil seine Verwerthung und eine grosse Zahl bisher 
erwerbluser Familien ihren Unterhalt finden werden. 
Der Vortrag des Prof. Marchet am 21. December behandelte die Thatigkeit 
der Legislative des Staates auf gewerblichem Gebiete. Eingangs wird daran 
erinnert, dass Oesterreich mit der Proclamirung der Gewerbefreiheit im Jahre 1859 einen 
grossen Schritt vorwärts gemacht, daran aber die Bemerkung geknüpft, dass die grössere 
Hälfte der Arbeit, der organisatorische Theil, noch nicht gethnn sei. Es werden nun de- 
taillirt die Schranken, welche dem Staate für seine eingreifende Thatigkeit auf gewerb- 
lichem Gebiete gezogen sind, aufgezeigt, nachdem der Unterschied zwischen Gewerbe und 
Industrie dahin festgestellt ist, dass das Wesentliche eines Merkmals des Gewerbes die 
Thatigkeit der Person, jenes der Industrie die Capitalskraft sei. Ausführlich und kritisch 
wird der Werth der Zwangs- und freien Genossenschaften dargelegt, ebenso jener der 
genossenschaftlichen Schiedsgerichte. Das Verhaltniss zwischen Arbeitgeber und Arbeit- 
nchmer wird eingehend dargestellt und betont, dass der Erstere zuweilen eine Macht, der 
Letztere nur immer eine Person sei. Auch die zulässige Verwerthung der Arbeitskraft 
der Manner, Kinder und Frauen wird ausführlich erörtert und an einzelnen Fallen nach- 
gewiesen, inwieweit sich die legislative Eintiussnahme des Staates erstrecken könne. ln 
nach dem heutigen Stande der Wissenschaft noch controversen Fragen werden die Gründe 
für und wider angeführt, 7 
Am 4. Januar hielt Prof. Woltmnnn aus Prag einen Vortrag über Rubens als 
Maler und dessen Werke in Wien. Der Barockstyl, welcher die Kunst in der 
Zeit von Rubens beherrschte, hatte in der Malerei mehr Berechtigung, als in der Archi- 
tektur und Plastik. Dieser Satz wurde durch einen umfassenden Ueberblick über die Ent- 
wicklung der italienischen und tlandrischen Malerschulen während der Renaissance und 
der darauf folgenden Jahrzehnte begründet. Dann betonte der Vortragende die merk- 
würdige Thatsache, dass sich Rubens von dem Manieristnus seiner Lehrmeister gerade 
durch seinen neunjährigen Aufenthalt in Italien, dem eigentlichen Stammlande jenes aus- 
gewachsenen Kunststyles, freihielt. Er hatte daselbst neben seinem Lieblingskünstler 
Tizian die Vertreter aller anderen bedeutenden Richtungen und die Antike gründlich stu- 
dirt, aber alle Eindrücke. die er also erfuhr, nach seiner eigenen künstlerischen lndivi- 
tlualitat umgehildet, So konnte wohl mit Recht behauptet werden, dass bald nach seiner
	        

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