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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe III (1888 / 3)

Entstanden und zur Blüthe entfaltet sofort mit der Befreiung und 
dem Triumphe des Christenthums und darnach sinkend mit dem Verfall 
aller Kunst, hatte sie im zwölften Jahrhundert eine zweite Blüthen- 
epoche erlangt, ohne aber an Darstellungskraft über die Leistungsfähigkeit 
der Zeit hinauszugehen oder diese vorwärts zu bringen. Es lag in ihrer 
Technik, welche, auf breite Flächen und Zeichnung im Großen hin- 
gewiesen, nicht auf die Wahrheit der Natur, nicht auf Licht und 
Schatten, auf Modellirung und die feinere Durchbildung des Details sich 
einlassen konnte. Sie hätte damit die ihr eigene und eigenthümliche 
Wirkung geschädigt. Diese neue Richtung einzuschlagen und die Kunst 
auf diesem Wege weiterzuführen, war der Frescomalerei vorbehalten, 
nicht allerdings derjenigen nordwärts der Alpen, welche noch lange in 
der llluminirmethode und in der zeichnerischen Unvollkommenheit ver- 
blieb, als die italienische Kunst schon glücklich auf der neuen Bahn 
sich bewegte. 
Und der Anstoß dazu, wie gesagt, ging von der Kirche aus, und 
zwar von zwei Männern, deren wunderbare Wirkung auf ihre Zeit und 
Zeitgenossen wohl auf ganz anderem Gebiete liegt, auf dem Gebiete des 
religiösen, kirchlichen und culturellen Lebens. Ihr Einfluss auf die Kunst 
ist kein unmittelbarer, kein beabsichtigter, dennoch ging er nicht minder 
sicher aus der Art ihrer Wirksamkeit hervor. Es sind die Heiligen Fran- 
ciscus von Assisi und Dominik, die Stifter der berühmten nach ihnen 
benannten Orden, die geistigen Begründer der Schulen von Florenz 
und Siena, wenn man den Zusammenhang zwischen ihnen nicht miss- 
verstehen will. 
In einer Zeit, da die christliche Bevölkerung Europa's sich aus 
den roheren Zeiten des Mittelalters zu erheben begann, da sie für 
geistiges Leben, für eine feinere Cultur, für Poesie, Schwärmerei, 
Enthusiasmus empfänglich wurde, in solcher Zeit, im letzten Viertel des 
zwölften Jahrhunderts, kam der heilige Franz zu Assisi auf die Welt, 
der Sohn einer wohlhabenden vornehmen Familie. Die Schwärmerei, das 
Feuer des Glaubens, die ihn schon als Knaben und Jüngling erfüllten, 
führten ihn durch ein wunderbares Leben. Er sah die Armen, und 
ergriffen von Mitleid, warf er den eigenen Reichthum hinweg, um selber 
arm zu werden und arm zu leben. Ein Regenerator des Lebens übte er 
wie ein Wunderthäter eine erschütternde Wirkung über die Herzen der 
Menschen. Sie glaubten an ihn, an seine Lehre, an seine Wunderthaten, 
an seine Visionen und Verzückungen. So bildete sich eine großartige, 
alsbald überall verbreitete Gemeinde seiner Anhänger und Jünger, denen 
sein Leben zu einer Reihe von Legenden sich gestaltete. 
Als er starb, hinterließ er ein Heer von Predigern, denen die 
Menschen zuliefen, dass die Kirchen leer standen. Sie predigten im Freien, 
weil die Gebäude dem Andrange der Menschen zu klein waren. Da, als 
unter diesem Zulauf die Mittel sich sammelten, erbauten sie ihre eigenen
	        

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