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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe III (1888 / 4)

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sich die großen Meister des fünfzehnten Jahrhunderts mit herangebildet, 
ein Donatello hatte an ihnen gelernt dem Marmor und dem Erze das 
Spiel des wirklichen Lebens zu verleihen, aber er und seine großen 
Zeitgenossen waren Realisten geblieben, voll und ganz ihrer Zeit, ihrem 
Lande, ihrer Stadt angehörend. Ghirlandajo, der nächste zu der idealen 
Zeit, war noch ganz ein Meister jener realen Richtung gewesen, die ich 
geschildert habe. Das wurde nun anders mit dem neuen Heidenthum. 
Dieser reale Stil, welcher die eigene Menschlichkeit. die eigene Um- 
gebung in die zeitlich und räumlich fernen kirchlichen Gegenstände 
hineingetragen hatte, machte dem antiken Platz. Das italienische oder 
Florentiner Costüm wich dem der Griechen und Römer, das nun gewisser- 
maßen als zeitlos, als keiner Zeit, keinem Volke angehörig galt; es 
wurde -- und Geräth und Architektur sind mitgerechnet -- wie das 
allgemeine Costüm der Kunst. Und mit dem Costüm der Zeit gingen 
auch die Menschen der Zeit verloren; an die Stelle der Porträts, der 
Florentiner Menschen vornehmen oder geringen Standes, traten ideale 
Geschöpfe, Charaktertypen, die keinem besonderen Volke angehörten. 
Und so geschah es mit den Körpergestalten, denen nach den Idealen der 
antiken Sculpturen Vollendung gegeben wurde. - Das sind nur einzelne 
Züge, welche die Umwandlung andeuten sollen. Die Kunst, welche au 
dem Wege des Naturstudiums und der Darstellung des realen Lebens 
die höchste Stufe erreicht hatte, löste sich von diesem Leben und hatte 
nun ihre eigene Sprache, ihre eigenen Ziele, ihr eigenes Leben. 
Für die Kirche und die Kirchenmalerei ging daraus nun ohne 
Frage ein großer Nachtbeil hervor. Bisher hatte die Kirche im Mittel- 
punkte der Kunst gestanden; sie war ihr Ein und Alles gewesen; es 
hatte für die Kunst kaum andere Aufgaben neben den ihrigen gegeben. 
Nun bildete sie nur die eine Quelle der Gegenstände und der Aufgaben, 
die Weltlichkeit die andere, mindestens eben so starke. Zwar erhielt sie 
für ihre Heiligen idealere Gestalten, aber, wenn man von den Leistungen 
einiger wenigen großen Meister absieht, und bei diesen ist es kaum 
nöthig - so büßte sie dafür durch den wachsenden Mangel einer tiefen 
religiösen Ernpündung, für welche äußere Schönheit entschädigen musste. 
Auf diesem Standpunkte steht bereits Rafael der Kirche gegenüber. 
Er hat ihr die schönsten und idealsten Gestalten geschaEen, welche 
jemals ein Künstler hat erfinden können, und so hat er wahrhaft zu 
ihrer Ehre gearbeitet, aber in dem Ausdruck einer tiefinnersten religiösen 
Empfindung hat er schwerlich das Höchste geleistet. Er wollte es auch 
kaum; er war zu sehr im Studium der Antike gebildet, zu sehr durch- 
drungen vom Geist des classischen Alterthums, um nicht in der Kunst 
selber, in der Darstellung der vollkommensten Schönheit das höchste 
Ziel zu sehen. Und wenn dies das Ziel ist, wie wohl kaum geleugnet 
werden kann, wenn man die Kunstals frei und nicht als dienstbar 
betrachtet, so hat Rafael das Ziel erreicht und den Weg der Kunst
	        

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