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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe III (1888 / 6)

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der griechischen durch ihre groBere Breite und außerordentliche Tiefe. Masken kamen 
aber in Rom erst im zweiten Jahrhundert auf, als die Bedingungen, unter welchen 
gespielt wurde, jenen in Griechenland ähnlich geworden waren. Da es aber keine Or- 
chestra gab, konnte der Schauspieler aus nachster Nahe beobachtet werden, was die 
Empfänglichkeit der Zuschauer bedeutend steigerte und zu immer weiterer Ausbildung 
der Sprache und ganz besonders der Geberde führte. Mit dem Hinweise auf die typi- 
schen Figuren des römischen Schauspiels, die verschiedenen Arten desselben und der 
Bedeutung der Palliata auf die Entwickelung der Schauspielkunst schloss der erste Vor- 
trag, so dass der folgende sofort mit der Geschichte der Mysterienbühne beginnen konnte. 
Diese Bühne halt der Vortragende für die einzige, welche ihrem Zwecke ganz 
entsprach. Die zwei Hauptformen derselben, die eine in aufgebauten Stockwerken, die 
andere in der Ebene, sowie die verschiedenen Abarten dieser Formen wurden nun ein- 
gehend geschildert und die Mysterien-Darstellung in der Ebene speciell am Luzerner 
Osterspiel anschaulich gemacht. Von einer Kunst konnte hier noch keine Rede sein, 
ebensowenig wie von einer Täuschung, Alles beruhte noch auf der religiösen Begei- 
sterung. Einen bedeutsamen Schritt zur Vereinigung der Vortheile des antiken Theaters 
und der mittelalterlichen Mysterienbiihne bezeichnet aber die Bühne, welche das Ober- 
ammergauer Passionsspiel aufweist. Der Vortragende erörtert nun eingehend die Be- 
schatfenheit und Vorzüge dieser Bühne, constatirt jedoch am Schlusse dieser Schilde- 
rung, dass auch hier eine Kunst der Darstellung sich nicht entwickeln konnte. Die 
Wirkung bleibt in erster Linie eine bildliche, indem die Grundbedingung einer künst- 
lerischen Darstellung, das Aufgeben der Persönlichkeit sowie die Verleugnung und Um- 
gestaltung zum Zwecke der Tauschung fehlen. Das Passionsspiel ist in erster Linie 
Gottesdienst, der sowohl Darsteller als Zuschauer in eine Art Verzückung versetzt. - 
So war denn eine eigentliche Schauspielkunst erst müglich nach der gewaltigen Be- 
wegung der Reformation, welche das Individuum in ein freies, verantwortliches Wesen 
umwandelte, und unter dem Einilusse der dramatischen Schöpfungen Shakespeares - 
Wie die armliche Bühne Shakespeares trotz aller ihrer Mängel nun zum ersten Male 
eine wahrhafte Charakterdarstellung in die Welt brachte, wie diese nur bei genügender 
Nahe des Zuschauers und bei maßvoller scenischer Ausstattung sich entwickeln kann, 
und somit das englische Theater in geistiger Beziehung für die Zukunft ebenso maß- 
gebend wurde wie in Bezug auf die außere Erscheinung, indem die Eintheilung in Logen 
und Range sowie die Unsitte der Prosceniumslogen vom englischen Theater ihren Weg 
nach Frankreich nahm und hier sich der bis heute giltige Typus des Theaters mit all' 
seinen nachtheiligen Eigenthümlichkeitea feststellt, wurde nun in langerer Ausführung 
dargelegt, um schließlich den Nachweis zu führen, dass wir bis heute kein Schauspiel- 
haus besitzen, welches seinem Zwecke vollkommen entspricht. Die verschiedenen hier 
in Betracht kommenden Momente, soweit sie die Wechselbeziehungen zwischen Schau- 
spieler und Zuschauer berühren, wie die Hohe und Tiefe des Zuschauerraumes, die An- 
ordnung der Sitze, die Sehlinie des Zuschauers u. s. w. wurden eingehend gewürdigt 
und endlich das Bayreuther Opernhaus als das mit Rücksicht auf die Anlage einzig 
zweckdienliche Theater bezeichnet. Auf die uothwendigen, weil im Wesen der Schau- 
spielkunst liegenden, geringeren Dimensionen reducirt, wurde diese Form des Theaters 
sich auch am besten für das Schauspiel eignen. Von solcher Anschauung ausgehend, 
unterzog der Vortragende den Zuschauerraum des neuen k. k. Hof-Burgtheaters einer 
eingehenden Kritik, welche manche schwere Bedenken heraufbeschwor, ohne jedoch die 
Hotfnung, dass auch im neuen Hause die gute alte Tradition schließlich siegen werde, 
gänzlich schwinden zu lassen. 
- Am 8. März folgte ein Vortrag des Prof. Dr. W. Neumann vüber kirchliche 
Schatzkammern in Oesterreichc. Der Vortragende präcisirt zunächst sein Thema dahin, 
dass er die bedeutendsten Sammlungen kirchlicher Kunstgegenstände, namentlich aber 
diejenigen, welche bei der kirchlichen Ausstellung sich betheiligt haben, bespricht, sie 
mögen nun in eigentlichen geistlichen Schatzkammern, oder in Sacristeien aufbewahrt 
werden; nur die Museen und selbst größeren Sammlungen die in Händen von Laien 
sind, schloss er aus. Er schilderte die mittelalterlichen Sagrer (Sacrarien) und die Heilig- 
thumstühle im Allgemeinen und gab an der Hand der Geschichte die _Gründe an, warum 
in Oesterreich sich nicht so großartige Werke kirchlicher Goldschmiedekunst erhalten 
konnten: eingehender besprach er die wiederholte Ablieferung von Edelmetallen und 
Edelsteinen aus den kirchlichen Schatzkammern und Sacristeien, um dem nothleidenden 
Staate zu Hilfe zu kommen. Aus allen Gründen zusammengenommen findet _er es be- 
greiflich, dass es keine kirchliche Schatzkammer in Oesterreich gibt, die mit Hildesheim, 
Köln, Aachen sich messen könnte. Die Schilderung der einzelnen Schatzkammern benützt 
der Redner zu kunsthistorischen und kritischen Anmerkungen: so schreibt er_das be- 
kannte gothische Ciborium von Klosterneuburg mit den roth und blauen Emaillen der 
durch Nicolaus von Verdun sicher angeregten Wiener Emaillirschule zu, die ja im Stande
	        

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