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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe IV (1889 / 1)

an: 
bekanntlich im 15. Jahrhundert in jene krausen, halb naturalistischen 
Bildungen ausgeartet war, die sich mehr durch schwierige Technik und 
bewundernswerthe Ausführung, als durch wahre Schönheit auszeichneten. 
Auch in der Goldschmiedekunst begegnen wir diesen verschnörkelten, 
bizarren Formen, gebildet aus Verästelungen knorriger Baumstämme, aus 
denen ltrabben- und blumenartige Gebilde als Blätter herauswachsen. 
Kreuze und Medaillons, Ketten und Anhänger, Mantelschließen und 
Agralfen- werden aus solchen Motiven hergestellt, Steine, Perlen und 
Emailarbeit fehlen dabei nicht, und abgesehen vom Detail geben gerade 
diese Schmuckstücke wichtige Aufschlüsse über die Formenbildung der 
Renaissance. 
Das Costüm am Ausgänge des Mittelalters und zu Beginn der Re- 
naissance zeigt bei Männern und Frauen eng anliegende Unterkleider mit 
Aermeln bis an das Handgelenk. An jener Stelle, an welcher das Kleid 
oben am Halse oder tiefer unten auf der Brust seinen Abschluss findet, 
ist ein breiter Saum angebracht, der in der Regel mit Juwelen und auf- 
genähten Perlen geschmückt ist. Diese mit Schmuckstücken besetzte 
Bordüre bedeutet gleichsam den Uebergang vom Kleide zum beweglichen 
Kettenschmuck, und als ob die Art des Kleiderbesatzes maßgebend ge- 
worden wäre für die Bildung der Halskette, wiederholt diese häufig das 
Motiv der aneinandergereihten Schmuckstücke des Saumes, indem nun 
ähnliche Formen sich zur Kette verbinden. 
Ein weiterer Zusammenhang des Halsschmuckes mit dem Costüm 
zeigt sich bei der auf die burgundische Mode folgenden deutschen Tracht. 
Da kommt unter dem ausgeschnittenen Mieder das zierlich gefältelte Hemd 
zum Vorschein, welches bis an den Hals reicht und ihn mittelst eines 
breiten Saumes umschließt. Diesen Saum nun ersetzen ähnlich gebildete, 
breite, goldene Halsbänder oder Halsreifen in jenen Fällen, in welchen 
Brust und Hals entblößt ist, während mehrere Reihen locker herab- 
fallender Ketten die Verbindung herstellen mit dem Rande der De- 
colletirung. 
S0 mannigfach aber auch die Renaissance diese Ketten zu gestalten 
wusste, eine Entwickelungsreihe von der einfachen, aus Perlen oder Rin- 
gelchen gebildeten Kette bis zu den complicirten Formen, welche, um 
mich der Sempefschen Terminologie zu bedienen, eine Verbindung eingehen 
zwischen Ringschmuck und Behang, wie wir sie in der Antike verfolgen 
können, lässt sich hier nicht herstellen. Die vorangegangene Stilepoche war 
über einfache, klare Constructionselemente längst hinaus, sie hat ornamen- 
tale Details der Architektur in die Goldschmiedekunst eingebürgert, und 
die Renaissance begnügte sich zunächst damit, diese Formen zu veredeln, 
zu bereichern und in ihrem Sinne umzugestalten. Denn nirgends noch, 
selbst in Italien nicht, hatte die Gothik ihr letztes Wort gesprochen, als 
die Renaissance gleichsam mit hellklingenden, aber noch unverstandenen 
Kindeslauten im Kunstgewerbe vernehmbar wurde. Mit unvergleichlicher
	        

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