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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe IV (1889 / 4)

namentstil trat an dessen Stelle. Das immer dünner gewordene Bau- 
gerüste der Decoration verliert in sich seinen Halt, die Ornamentranken 
überwuchern parasitisch, und erreichen für sich eine glänzende Fülle, 
eine geradezu überreizte Triebkraft. Wie strotzt da noch alles von Er- 
findung! Um 63 nach Christus wurde Pompeji von einem Erdbeben arg 
mitgenommen; nachher gab es viel bauliche Herstellungen, gründliche 
Reparaturen und sicherlich auch neue. brillante Decorationen des letzten 
Stils. Der Ornamentstil war die Sterbetoilette Pompejfs. Die Eruption 
des Vesuvs von 79 n. Chr. deckte die farbenheitere Stadt mit ihrem 
Aschenregen zu. 
Zuletzt erübrigt uns noch die Betrachtung eines eigenartigen, 
höchst bedeutsamen Schmucks dieser Stätte. Es sind dies zwei Ton- 
nengewölbe von mäßiger Spannweite mit einer herrlichen Stucco- 
decoration, die in namhaften Fragmenten vorgefunden wurde. 
Wie ich schon früher erwähnte, schreibt A. Mau jene gewölbten 
Decken den Cabineten z und 4 zu. Mir ist eine solche Disposition nicht 
recht verständlich. Schon die Haltung der Wanddecoration widerspricht 
dieser Annahme. Man' sollte glauben, dass da in den oberen Theilen 
der Wand scheinbar stützende oder tragende Formen auf eine derartige 
Gewölbdecke hinaufweisen müssten; und gerade hier finden wir nach 
aufwärts erleichterte Motive über den tiefer unten, mit solideren Gesimsen 
abschließenden Wänden - eine Anordnung, die dem Ausdruck der Be- 
lastung, der Tragfähigkeit (wenn auch nur im formal-symbolischen Sinn) 
keineswegs entspricht. Die decorative Haltung des Kryptoporticus (Nr. t) 
mit seinen bis zum obersten Gesims hinanreichenden Säulen würde eher 
eine Gewölbdecke motiviren, und wahrscheinlich war er auch überwölbt, 
gleich den Kryptoportiken der Cäsarenpaläste auf dem Palatin. Vielleicht 
gehörten die fraglichen Tonnengewölbe einem - etwa in der Mitte ge- 
theilten - Verbindungsgang an. der die Communication zweier Haupt- 
räume vermittelt haben mag. 
Die Publication der Stnccoreliefs jener Tonnen, welche ein freudiges 
Erstaunen aller Kundigen erregten, als die Erde sie herausgab, verdanken 
wir dem unverdrossenen Eifer des damals auf seiner Studienfahrt durch 
Italien begriffenen, jungen Architekten Adolf GinzeP). Von den Dar- 
') Die Procedur, mittelst welcher er seine Modelle und Abdrucke fertig stellte, 
war trotz der durch die äußeren Umstände gebotenen Beschleunigung der Arbeit keines- 
wegs so einfach. Die mehr brüchigen Fragmente modellirte Ginzel auf Schieferplatten 
aus freier Hand in NVachs nach; die besser erhaltenen, welche eine directe Abformung 
vertrugen, belegte er mit Stnnniol, trieb mit einem strulTen Pinsel die Contouren heraus, 
ulhm hierauf die Stanniolmaske vorsichtig ab und uberstrich dieselbe mit Gypsmilch, 
um sodann, nachdem die letztere erhärtet war, in die Hühlung heißes Modellirwachs zu 
gießen. Sobald auch dieses hart geworden, musste die Stanniol- und Gypshülle vorsichtig 
abgehoben, dann die noch rohe Wachsforrn auf die Schieferplatte übertrugen und da fertig 
modellirt werden.
	        

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