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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe IV (1889 / 5)

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glücklich dazu bei, der in der Wirkung der Bodenformen und der Vege- 
tation etwas zu dünn angelegten Landschaft mehr Fülle und Kräftigkeit 
zu verleihen. Reizvoll sind besonders gewisse Stalfagen. Da wäre ein 
nackter Fischer, der am steilen Felsrand des Ufers sitzt, mit ganz michel- 
angeleskem Motiv, ein Bein scharf zurückgezogen, das andere frei vor- 
gestreckt; dann anziehende Frauengruppen im Mittelgrund, mit Wäsche 
und ähnlicher Verrichtung beschäftigt. Und im Vordergrund, wo gute 
Weide zu stehen scheint, die trefflichsten Thierstücke, deren eines schon 
oben erwähnt wurde. 
Nun aber drängt sich unabweisbar die Frage nach der Gesammt- 
composition der so reich decorirten Tonnenwölbungen auf. Wie 
hingen diese wundervollen Reliefs zusammen, die gleich den Scherben 
eines Prachtgefäßes vor uns daliegen? Ein Fachwerk von kräftig-breiten 
Rahmen mit zarten Eierstabrändern zog sich gliedernd hindurch; aber 
von welcher Art_war die Rhythmik und Abstufung dieser Felderein- 
theilung, die jedenfalls auch mit einer gewissen decorativen Freiheit der 
Abwechslung durchgeführt war, im Unterschied von den architektonisch- 
schematisirten Felderdecken der Renaissance. . . Ad. Ginzel hat sich mit 
dieser Frage immer neu versuchend beschäftigt, und ist so stufenweise 
zu folgender Lösung gelangt, in welcher sich ein fein errathender, künst- 
lerischer Scharfblick kundgibt. Er brachte heraus, dass in der Mitte - in 
kreuzartigen Umrahmungen - ein entscheidendes, decoratives Binde- 
rnotiv verdoppelt auftritt. und dies war, für ihn der Schlüssel für die 
Anreihung der übrigen, größeren und kleineren Bildtafeln. Der ligurale 
Inhalt jener kreuzähnlichen Felder ist folgender: Zwei geflügelte Mädchen, 
den Weiheguß spendend, stellen sich gegenüber; die zartgliederigen, an 
die Hebe oder lris rnahnenden Gestalten schweben mit den Fußspitzen 
über zartem Blüthenrand; aus ihrem Haupte sprießt ein Pflanzenstengel 
bis zum Theilungsbalken. Zwischen den schlanken Jungfrauen wächst 
von unten auf über einem Gestell mit Kinderköpfchen ein wundersamer 
Candelaber empor, der ganz in eine phantastische Pflanzenbildung um- 
gewandelt erscheint, mit blumenartigen Zwischenschalen, nach oben zu 
einem Halm sich zuspitzend; die Rahmenbalken weichen dort auseinander, 
und zwei Fabelpanther sitzen obenauf, mit erhobenen Vorderpranken. 
Sehr interessant ist hier und auch anderswo die Abstufung des Reliefs: 
die geflügelten Mädchen haben ziemlich volle Bildung, der Mittelcandelaber 
ein leiseres Relief, die Panther sind nur schwach erhoben hingezeichnet 
und ihre metallisch scharfen Flügel blos leichthin in die Fläche geritzt. 
Ginzel hat dieses Mittelfeld in Gyps hergestellt, und von da aus- 
gehend, die Composition einer der beiden Tonnendecoralionen sinnreich 
reconstruirt. Ganz zwanglos fügen sich nun oben und unten, und ebenso 
seitlich an den kreuzartig ausgreifenden Rahmen die größeren bildlichen 
Darstellungen an, die mythologischen Bilder und die landschaftlichen 
Scenerien", in den kleineren Zwischenfeldern, die übrig bleiben, finden
	        

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