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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe IV (1889 / 5)

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Abenteuern einen willkommenen Unterstand bieten mochte. Gar Vieles 
deutet darauf hin: die umfassende Bauanlage, die festlich-schmuckvolle 
Decoration, die eigenartige Disposition größerer und kleinerer Räumlich- 
keiten, die über das Programm eines noch so vornehmen Privathauses 
in jener im Bauluxus noch keineswegs ausschweifenden Epoche immerhin 
hinauszugehen scheint. Artistisch überzeugend ist für mich zuvörderst 
die völlige stilistische Uebereinstimmung der Wanddecorationen der Casa 
Farnesina mit jenen des Hauses des Germanicus auf dem Palatin, nament- 
lich mit der Wand des Tablinums und des Tricliniums daselbst. (Vergl. 
Mon. ined. vol. XI. tav. XXll u. XXlll.) Es ist mehr als wahrscheinlich, 
dass die Wandmalereien auf dem Palatin und am Tiberstrand aus einer 
und derselben Decorationsschule hervorgegangen sind. 
Das "goldene Hause des Nero war eine grandiose Villenanlage in- 
mitten der Stadt, mit aller Pracht ausgestattet, über welche das damalige 
Kunstvermögen verfügte. Der von Severus und Celer mit größter Be- 
schleunigung emporgezauberte Prunkbau w den Otho weiter bauen ließ, 
der aber schon dem Vitellius nicht mehr genügte - wurde nachher 
mit gleicher Hast demolirt; die Flavier wollten durch dieses Zer- 
störungswerk gleichsam die verhassten Erinnerungen an Nero der An- 
schauung entziehen. Die Thermen des Titus erstanden als ein volks- 
thümlicher, der allgemeinen Benützung gewidmeter Bau an derselben 
Stelle, wo früher der menschenfeindlichste, selbstsüchtigste Genusskitzel 
seinen Sitz gewählt hatte. Man wollte keine Zeit verlieren und warf die 
unteren Räume nur zu - und so blieben in denselben die interessanten 
Wanddecorationen aus dem Untergeschoss des Neronischen Palastes 
erhalten, an denen die Künstleraugen aus der Renaissance sich nicht satt 
sehen konnten. An die Casa Farnesina knüpften sich wohl auch gehässige 
Reminiscenzen an die bodenlose Sittenverderbniss und die geheimen Aus- 
schweifungen des so bald verlotterten, augusteischen Hauses. Der ernste 
Tacitus, der scharfe Juvenal scheinen ihre Geisteraugen auf diese, künst- 
lerisch sonst so anziehende Stätte zu richten. Ob nicht so manche der 
sinnlich-wilden Excesse der Messalina in den Boudoirs dieses Hauses ihre 
Schlupfwinkel fanden . . . . 
Nerva und Traian hatten ein solides Regierungsprogramm und 
machten auch Reclame für ihre Solidität in ähnlicher Weise, wie früher 
Vespasian und Titus. Es ist leicht möglich, dass jene Kaiser, um auch 
am Tiberrand das Gedächtniss der Scandale der julischen Dynastie zu 
tilgen, das ganze Areal daselbst für einen ausgedehnten Nutzbau nach 
Art einer Horrea auslieferten, und zwar jenem "Collegium Liberi patris 
et Mercuriiu, das hier seine Weinvorräthe deponirte - zugleich mit der 
Concession, beliebige Partien der alten Kaiservilla zuzuschütten, zu demo- 
liren, zu überbauen, wie es auch quer durchschnlcidende Gemäuer aus- 
drücklich bezeugen. Eine demonstrative Zerstörung scheint an dieser 
Stätte unbedingt noch in der Cäsarenzeit stattgefunden zu haben. -
	        

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