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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XIII (1878 / 159)

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stalten ist theilweise diesem Zuge der Bevölkerung zuzuschreiben - die 
Töchter und Söhne wollen vor Allem von Staatswegen versorgt werden. 
Aber Vorurtheile, welche in einem sehr grossen Theile unseres österrei- 
chischen Publicums eingewurzelt sind, schwinden nur langsam; ihnen ge- 
genüber übt das gedruckte und geschriebene Wort und selbst die Schule nur 
wenig Macht aus. Aber so gering man dieselbe auch anschlagen kann, so darf 
man doch nicht vermeiden, diese Wege zu betreten. Gelingt es jedoch, durch 
diese gewerbliche Schulbewegung die Kinder und die Eltern sozusagen 
für das Gewerbe zu gewinnen, so werden die Vortheile für das Einzelne, 
wie für das Ganze nicht ausbleiben. Es wird dem Gewerbestande eine 
gebildetere Classe zugeführt, welche Intelligenz und Liebe zum Gewerbe 
mitbringt und es wird auch bei Einzelnen die Ertindungskraft oder die 
Unternehmungslust-geweckt, eigene Wege zu gehen und sich selbständig 
zu etabliren. Die Geschichte des Wiener Gewerbestandes zeigt in zahl- 
reichen Beispielen, dass aus Knaben, welche aus Beamtenfamilien hervor- 
gehend, Unternehmungsgeist und Liebe zur Arbeit hatten, in späteren Jahren 
die tüchtigsten und angesehensten Industriellen geworden sind. 
Es ist unerlässlich nöthig, die Aufmerksamkeit sowohl der Eltern, 
als der massgebenden Kreise auf den Punkt zu lenken, dass, wenn dem 
Gewerbe genützt werden soll, die Jugend frühzeitig schon zur gewerblichen 
Arbeit angeleitet werden und dass die gewerbliche Arbeit nicht nach der 
Volksschule, sondern während der Zeit derselben schon beginnen muss. 
Pädagogen und Staatsbeamte täuschen sich, wenn sie glauben, dass nach 
der vollendeten achtjährigen Schulpflicht noch Zeit ist, in ein Gewerbe 
einzutreten. Die Unzufriedenheit, die über das gegenwärtige Volksschul- 
gesetz in vielen Kreisen herrscht, die man weder todtschweigen noch 
wegdisputiren kann, ist wesentlich in dem Umstande zu suchen, dass 
der Junge zu spät zum Gewerbe kommen kann und dass er trotz der acht- 
jährigen Volksschulpfiicht nicht das lernt, was er für das Gewerbe braucht. 
Die Klagen können gegenwärtig nicht verschwiegen werden, dass die 
Schule zu lange dauert, dass zu Vielerlei gelehrt wird und dass nicht 
das gelehrt wird, was gerade für den kleinen Gewerbestand unerlässlich 
nöthig ist. Daher sehnt sich auch ein Theil des Gewerbestandes nach der 
Zeit des Zunftverbandes, nach den Zuständen der verflossenen Jahrhunderte, 
wo die Staatsvolksschule keinen so ausschliesslichen Einfluss auf die Bil- 
dung des Gewerbestandes gehabt hat, als es gegenwärtig der Fall ist. Es 
ist absolut nicht wegzuleugnen, dass die Arbeitsleistungen früherer Zeiten 
durchschnittlich besser sind, als die Durchschnittsleistung der jetzigen 
Zeit, dass nicht nur einzelne Städte, sondern ganze Bezirke und Provinzen 
in der gewerblichen Arbeitsleistung zurückgekommen sind, wenn man ihre 
heutige Arbeitsleistung mit ihrer früheren unbefangen vergleicht. Die Ab- 
schwächung und Verschlechterung der Arbeitsleistung im ganzen Mittel- 
europa ist eines von den vielen Symptomen der socialen Krisis der modernen 
Zeit. Je nüchterner und je sachlicher man sie auffasst, desto leichter wird
	        

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