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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XIV (1879 / 169)

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Volksschule oder, wie dies jetzt in Mode ist, nach absolvirter Unter- oder 
Oberrealschule zur Erwerbung der handlichen Fertigkeiten schreiten. 
Wenn einer oder der andere von den Herren sagt: "Lassen wir den Ver- 
gleich mit früheren Jahrhunderten gehen und fassen wir die Bedürfnisse 
der Gegenwart in's Auges, so soll das wohl heissen, das ihnen ein solcher 
Vergleich nicht angenehm ist, weil derselbe den gegenwärtigen Stand der 
Kunstindustrie und der Kunst neben dem Stand ihrer höchsten Vollendung 
vor Augen führt und dieser Vergleich nicht zu Gunsten der Gegenwart 
ausfällt. Es ist ihnen ferner ausserordentlich unbequem, wenn constatirt 
wird, dass die Gewinnung von kunstgewerblichen Fertigkeiten in jungen 
Jahren regelmässiger Zustand der kunsthandwerklichen und künstlerischen 
Bildung war, dass nur dieser Zustand es war, der es erklärt, dass mit 
dem 17., 18. und 19. Lebensjahre die meisten der jungen Leute, die für 
das Gewerbe und für die Kunst nöthigen praktischen Fertigkeiten sich 
vollständig zu eigen gemacht haben, während dies heutigen Tags nicht 
der Fall ist. Es gibt im Ganzen nur sehr wenige Künstler, die durch den 
Umstand keinen Schaden leiden, dass sie erst im 18., 19., ja selbst im 
20. Lebensjahre sich jene Fertigkeiten aneignen, die man sonst mit dem 
11., 12., 13. oder 14. Lebensjahre, d. h. zu einer Zeit erwerben konnte, 
die der Knabe leider heute in der allgemeinen Volksschule absitzen muss. 
Mit einer fast komischen Naivetät hat sich über den Zusammen- 
hang der rein künstlerischen Bildung mit der gewerblichen Bildung ein 
Wiener Vertreter der Bürgerschule ausgesprochen. Das Charakteristische 
für den Standpunct, der unseren Volksschullehrern in dieser Frage eigen 
ist, bildet der betreffende Passus, welcher zu bezeichnend scheint, um 
nicht citirt zu werden; er lautet: nDer schwächste Punkt in dem viel- 
genannten Vortrage des Herrn Hofrathes ist gewiss der, wo auf die grossen 
Künstler hingewiesen wird, die es geworden sind, ohne dass sie in einer 
allgemeinen Volksschule einer achtjährigen Schulpflicht genügt hätten. Dass 
grosse und geniale Künstler, wie Paul Potter, van Dyck, Adrian van Ostade, 
Jean Wernik (recte Jan Weenix), Lucas von Leyden, Michel-Angelo, Dürer 
u. A. schon in ihrem zartesten Alter Bedeutendes auf technischem und 
künstlerischem Gebiete geleistet haben, muss uns nicht Wunder nehmen; 
dafür waren es eben gottbegnadete Genies, die eine gütige Vorsehung als 
hellstrahlende Leuchten zum Heile der Menschheit geschahen! Und auch 
Herr Hofrath Eitelberger wird nicht mit apodiktischer Gewissheit behaupten 
können und behaupten wollen, dass alle diese Männer weniger grosse 
Künstler-geworden wären, wenn sie sich in unserer jetzigen Volksschule 
eine ausreichende allgemeine Bildung erworben haben würdenß- 
Vorerst muss ich, um einer unrichtigen Auffassung, insbesondere 
von auswärtigen Lesern vorzubeugen, eine scheinbar gleichgiltige Aeusse- 
rung berühren. Man nennt mich unablässig wHerr Hofrathu, und es könnte 
dadurch die Meinung entstehen, dass ich irgend einem Staatsamt vorstehe. 
Hofrath ist bei Lehrern nur ein Titel, und zwar ein Titel, der mit meiner
	        

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