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Full text: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XV (1880 / 174)

JG 
speciellen Standpunkt in anderem Lichte, als sie gewöhnlich dargestellt 
werden. Politische Stürme trieben ihn aus Deutschland fort, entrissen ihn 
einem schönen festen "Wirkungskreise, verurtheilten ihn zum Wanderleben. 
Das war ein persönliches Unglück für ihn, und dennoch müssen wir jene 
Wendung seines Geschickes als eine glückliche preisen. Denn bei all seiner 
Genialität, seinem stupenden Wissen, seiner seltenen Arbeitskraft würde 
der Director der Dresdener Bauakademie schwerlich zu jenem reforma- 
torischen Wirken gelangt sein, von welchem hier gesprochen wurde. In 
Dresden nahm ihn seine Thätigkeit als Architekt und als Lehrer vollauf 
in Anspruch, ruhte der Schriftsteller in ihm. Seine Schrift über die Poly- 
chromie der Alten war vor seiner Berufung nach Dresden erschienen und 
crst in der Verbannung fand er die Musse für die Publication über das 
Theater, konnte er an die Ausführung eines schon 1847 gehegten Gedankens 
gehen, mit Zugrundelegung seiner akademischen Vorträge eine verglei- 
chende Baulehre zu schreiben, schrieb er wirklich das classische Werk 
über den Stil. Dieses letztere hat wohl mit dazu beigetragen, dass von 
jener Baulehre nichts als der interessante Prospect von 1847 und als Vor- 
läufer die bedeutende Schrift über die vier Elemente der Baukunst inwdie 
Oelfentlichkeit gekommen ist. Eine andere Ursache seines Aufgebens jenes 
Planes hat er gelegentlich selbst mitgetheilt: die vornehm absprechende 
Manier, in welcher sein alter Gegner, Kugler, sich über die in den vier 
Elementen der Baukunst vorgetragenen Gedanken wie über müssige Phan- 
tasiespiele eines geistreichen Künstlers geäussert hatte. Semper hörte aus 
jenen Worten heraus, dass er als Künstler in Sachen der Kunstwissen- 
schaft eigentlich nicht mitzureden habe, und liess sich, wie er angibt, 
dadurch irre machen. Vielleicht hat Kugler es gar nicht so gemeint, er 
schlägt bei derselben Gelegenheit den gleichen Ton gegen Hettner an, der 
doch ikein Künstler ist; dass aber unter allen Umständen jene Art der 
Abfertigung einem Künstler und Gelehrten gegenüber wie Semper sehr_ 
schlecht am Platze war, versteht sich von selbst. Nur will uns nicht recht 
glaublich erscheinen, dass gerade er sich so leicht habe einschüchtern lassen. 
Eher leuchtet ein, dass dem schöpferischen Künstler, dem eminenten Prak- 
tiker, welcher in dem erwähnten Prospect sarkastisch bemerkt, an Werken 
über Baukunst sei kein Mangel, desto grösserer an Werken der Baukunst: 
dass dem, sagen wir, die literarische Beschäftigung allein nicht genügen 
konnte, dass er ferner die Möglichkeit ersehnen musste, seine Existenz 
wieder auf gesicherte Basis zu stellen. In England stand ihm hierbei der 
Ausländer, in Deutschland der Hochverräther im Wege, auf den anzu- 
spielen selbst Kugler sich an gedachter Stelle nicht versagen konnte. 
Endlich bot die Schweiz ihm eine Stellung, Gelegenheit zur Thätigkeit 
auf seinem eigentlichen Felde. Das war Erlösung -aus dem Flüchtlings- 
leben, ein Glück für ihn. Er konnte wieder bauen und Schüler bilden, 
und doch absorbirte ihn dies beides nicht in dem Masse, dass ihm nicht 
Musse zur Fortsetzung und Beendigung des wStilsu geblieben wäre. Aber
	        

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